German poem
Das Ander Lied
by Philipp von Zesen (1619–1689)
Was seh ich/ was hör ich die Lüffte durchstreichen! Ach! kommet Herr Breutigam/ sehet ümm euch/ Ach! sehet die Flammen/ die Zeichen ingleichen/ Wie pralen die Stralen/ ich werde fast bleich; Es zittern die Glider wie Flittern/ ein jeder verwundert sich sehr/ Es nahen die Strahlen je mehr und mehr.
Ists etwa das Feuer der springenden Ziegen? Wie? oder ein Irrwisch so Menschen verführt? Mit nichten. Ich sehe den Liebes-Gott flügen/ Sein Antlitz ist also mit Flammen geziert: Er nähert sich immer Dem Frauen-Gezimmer/ Wirfft Stralen herfür/ Ach sehet Er sitzet auch schon allhier!
Ach! schöne Braut/ schauet er spannet den Bogen/ Er zielet nach euerem Hertzen/ dückt Euch! Ach eylend! ach eylend! O seyd Ihr betrogen? Wie werden die Lippen und Wangen so bleich/ Kein Athem sich findet/ Die Sprache verschwindet/ Bringt Wasser und Kraut/ Kraut/ Wasser her/ Wasser her! kühlt die Braut.
Erschrecket doch aber nicht alle zusammen/ Ihr Jungfern/ und werdet nicht balde so roth: Sie fühlet von Liebe nur innerlich Flammen/ Sie lebet noch gleichwol und lieget nicht todt. Die Liebe das machet/ Worüber Ihr lachet so hönisch und viel/ Hier spiegelt Euch itzund an diesem Spiel.
Sol Venus Euch/ Schöne/ so balde bezwingen/ Recht! ruffet ein jeder/ wem dieses bewust/ So wolt ich ins Kloster auch zihen mit springen/ Wo Nonnen und Münche sich paaren mit Lust; Wo Tugend und schertzen/ Wo Jugend und hertzen Beysammen sich findt/ Die sehenden führet das blinde Kind.
Das müssen wir lachen/ die Kräntze zubrechen/ Wie sehet Ihr/ Schöne/ so sauer uns an? Ins Kloster zu ziehen war Euer versprechen. Nun habet Ihr dieses nicht wacker gethan! Es geben Euch heute Das letzte Geleite Die Freunde dazu: So kommet die Jungferschafft auch zur Ruh!
Der Himmel/ die Sterne/ das gütige Glücke/ Seyn sämmtlich Euch günstig und lachen Euch an; Es zihet der Himmel das böse zurücke/ Es flinckert und blinckert der Sternen-Altan. Das Glücke sich zeiget Anitzo geneiget/ Drüm eylet zur Ruh! Sie sagen Euch alle viel gutes zu.