German poem
Im Vorbeigeh’n
Im Vorbeigeh‘n.
Die weite Welt umspinnt ein Dämmern, Ein Dämmern mild und friedevoll Und matt erklingt das rasche Hämmern, Das aus der nahen Schmiede scholl. Die Schwalbe barg die müden Glieder Im Nest am weinberankten Haus Und taumelnd flattert hin und wieder, Des Dunkel’s froh, die Fledermaus.
In weichmelodischem Gedränge, In einem reichen, goldnen Strom Schickt seines Abendläutens Klänge Herab zur stillen Stadt der Dom. Es ist, als ob in blauen Lüften Sogar des Windes Stimme schweigt, Indeß ein süßes Nelkendüften Aus all den grünen Gärten steigt.
Und die im Lärm des Tages schliefen, Die tausend Stimmen, leis und zart, Sie regen in der Seele Tiefen Sich mahnend nun nach Feenart, Und die im hastigen Getriebe Den Muth zum Sprechen ganz verlor, Es flüstert halb bewußte Liebe Uns holde Märchen nun in’s Ohr.
Wer schälte sie um ihre Länge, Wem würde nicht die Wange heiß? Es kommt die Zeit der stillen Gänge, Um die der beste Freund nicht weiß. Noch trägt uns zu vertrautem Plaudern In einer Ecke nicht der Fuß ― Wir wagen nur nach kurzem Zaudern Vermessen einen Abendgruß.
Genug, gab uns die Abendstunde Nach einem arbeitsreichen Tag Ein Lächeln, das auf liebem Munde Für flüchtige Sekunden lag. Noch wagt sie’s nicht, emporzublicken, Noch in der Kehle stockt das Wort, Noch muß für sie die Freundin nicken ― Nicht unsertwegen saß sie dort.
Und dennoch weiß sie, daß wir kommen, Noch ehe wir ein Wort getauscht, Und dennoch hat sie leicht beklommen Auf unsern raschen Schritt gelauscht, Und dennoch ist ihr Muth gebrochen, Wenn wir nicht froh hereingeseh’n Und nicht den Abendgruß gesprochen Wie immer „im Vorübergehn“.
Und sinkt ihr Köpfchen in die Kissen, Indeß die Wimper tief sich senkt ― Ich wollte nur, Du könntest wissen, Was sie dann Alles träumt und denkt! Nur Eines will ich Dir verrathen, Da schön’re Kunde noch nicht frommt, Daß auf den Mund die Worte traten: „Ob er wohl morgen wiederkommt?“ R.L.