German poem
Im Kreislauf des Jahres
Im Kreislauf des Jahres.
Ob Sonnenschein den Lenztag auch erfüllt ― Noch weht’s von Ost und jagt den feinen Staub, Und in der Knospe zögert scheu verhüllt Das junge Laub. Da geht der Wind, indeß um’s Abendlicht Ein Schleier weht, herum nach Westen sacht ― Es regnet warm, es regnet still und dicht Die lange Nacht. Aus seiner Hülle ringt vor diesem Kuß Das Blättchen sich in zärtlichem Bemüh’n, Und an dem Morgen nach dem nächt’gen Guß Ist Alles grün.
Der Tag ist schwül ― von Tropfen perlt die Stirn, Verschmachten will die Welt im Sonnenbrand, Die Lippe lechzt, gelähmt ist das Gehirn Und schlaff die Hand. Da baut sich’s auf, gespenstisch, ohne Ton ― Geschwader jagen in die Wolkenschlacht; Der Donner rollt und fahle Blitze loh’n Die lange Nacht. Den Boden tränkt und labt der nächt’ge Graus, Das Wiesenthal, den Hag, den busch’gen Bühl, Und trittst am Morgen spähend Du hinaus, Ist Alles kühl.
Die Nebel treiben dicht und gelblich-grau In Wald und Feld verdrossen sich umher ― Sie gönnen Deinem Blick kein Stückchen Blau Des Himmels mehr. Da fährt’s in kurzen Stößen in den Wust, Da kreischt die rost’ge Fahne auf dem Thurm, Da heult und tobt und braust in wilder Lust Des Herbstes Sturm. Zerblasen wird, was Dir ein Hinderniß Bei jedem Deiner Athemzüge war ― Nach solchen Nächten, dessen sei gewiß, Ist Alles klar.
Frosthart die Erde, blätterlos der Forst, Und schneidend geht die Luft durch Mark und Bein; Die Krähe zieht mit Hungerschrei vom Horst Zur Stadt hinein. Da treiben, sichtbar kaum, im scharfen Wind, Die Federflöckchen leicht und irr Und endlich schneit es rastlos, grau und lind Und stumm und wirr. Die warme Decke breitet still und dicht Der Winter über’s Land, wie auf Geheiß, Und in des nächsten Morgens mattem Licht Ist Alles weiß.
Ich sagte gerne: „Siehe da ein Bild Des Daseins, das uns das Geschick verleiht, Es löst und hebt sich Alles friedlich mild Zu seiner Zeit.“ Mir fehlt der Muth, der solche Worte schreibt; Oft bleibt der Regen und des Sturms Gebraus, Oft bleibt des Wetters Flammen und es bleibt Der Schnee selbst aus. Das aber weiß ich: Was Erlösung je Von dumpfem Druck, von Kampf und Qual gebracht, Von starrer Pein und wortelosem Weh, Kam ― über Nacht. R.L.