German poem
Im Kreislauf des Jahres
Im Kreislauf des Jahres.
Blüthenschnee auf allen Zweigen, Um die Hecken Veilchenduft, Und die lieben Lerchen steigen Tirilirend in die Luft. Heimgekehrte Schwalben fliegen Zwitschernd um ihr altes Nest, Und die ersten Falter wiegen Träumend sich im lauen West. Ist es nicht, als wolle mahnen Dich der Lenz in Kampf und Streit An das sorglos-frohe Ahnen Deiner ersten Kinderzeit?
Graue Wetterwolken ballen Sich zusammen dumpf und schwer, Und die Roggenfelder wallen Wie ein silbergraues Meer. Vor der Sense sinkt der feuchten Wiesen bunte Blumenpracht, Und ein hastig Wetterleuchten Wandelt zuckend durch die Nacht. Ist es nicht, als mahne leise Dich des Sommers Gluth und Kraft An der Jugend rasche Weise, An die kecke Leidenschaft?
Welkes Laub und leises Bangen Bei der Wandervögel Flucht, Und es röthen sich die Wangen Mancher ausgereiften Frucht. Matter werden alle Stimmen, Ernster, müder wird ihr Ton; Ueber Stoppelfluren schwimmen Die Marienfäden schon. Ist Dir nicht des Herbstes Kühle Eine Mahnung an die Zeit Still verebbender Gefühle, Wachsender Besonnenheit?
Berg und Thal und Wald und Hecke, Die kein Leben mehr erfüllt, Hat in weiße, weiche Decke Ueber Nacht der Schnee gehüllt. Alles, Alles ist begraben, Was so warm gegrüßt und traut, Und der Hungerschrei des Raben Ist der Landschaft letzter Laut. Wenn des Winters Sterne blinken, Bunten, aber kalten Lichts, Mahnen sie Dich an’s Versinken In das große, stille Nichts? R.L.