German poem
Im Kreislauf des Jahres
Im Kreislauf des Jahres.
Wenn junges Grün aus allen Zweigen Nach warmem Frühlingsregen bringt, Wenn sich nach winterlichem Schweigen Die Lerche jubelnd aufwärts schwingt, Wenn sich auf seinen bunten Flügeln Der Falter wiegt am blauen See, Wenn in den Thälern, auf den Hügeln Du träumend ziehst durch Blüthenschnee, Dann wird die Brust auf’s Neue offen Der Stimme, die Dir Glück verheißt, Und was auch an Dir zerrt und reißt, Sei guten Muth’s und ― lerne hoffen!
Wenn aller Blüthenreiz verflogen Und stumm die Liebessänger sind, Wenn braun die Aehrenfelder wogen Bei Blitzgezuck im Erntewind, Wenn Alles kocht und reift im Stillen Und wenn erfüllt der lange Tag Vom Duft des Heus, Gezirp der Grillen Und Spechtgepoch und Wachtelschlag, Und sollst Du Dich zusammenraffen, Dann spute Dich, so lang‘ es licht, Und thue ehrlich Deine Pflicht; Dann sei ein Mann und ― lerne schaffen!
Wenn uns’re Sommergäste scheiden, Wenn Alles stille wird und bang, Und sich in Gold und Purpur kleiden Die Wälder, die ihr Lied durchklang, Wenn Dich die reifen Früchte mahnen, Daß Alles bald zur Rüste geht Und überall ein schmerzlich Ahnen Des Endes Dir entgegen weht, Dann sollst Du nicht entmuthigt klagen, Dann sei des Herbstes letzter Kuß Dir tiefster, schmerzlicher Genuß, Dann füge Dich und ― lern‘ entsagen!
Wenn frosterstarrt und schneevergraben Die kahle Flur, der stille Forst, Wenn hungernd sich das Volk der Raben Des Abends duckt in seinem Horst, Wenn roth und groß der Mond am Himmel In bitterkalten Nächten steht, Und durch der Flocken grau Gewimmel Der Füchse heis’res Bellen geht, Dann sollst Du nicht um Stundung werben, Dann füge schweigend, still und groß Dich in das allgemeine Loos, Dann sei gefaßt und ― lerne sterben! R.L.