German poem
Mein kleiner Bube
Mein kleiner Bube.
Sie wissen nicht, wie oft ich stehe Des Nachts an seiner Lagerstatt, Und wie ein seltsam-süßes Wehe Mich jedesmal ergriffen hat, Wenn auf des kleinen Schläfers Wangen Sich weich die seidne Wimper schmiegt, Wenn er, in holdem Traum befangen, In seinen weißen Kissen liegt.
Wie ruhet er in sanftem Schlummer, Als könne auf der Lebensbahn Mit seiner dunklen Macht der Kummer Dem ros’gen Schläfer nimmer nahn! Es kommen dunkle, weiche, irre Und sanfte Laute, hörbar kaum, Von seinen Lippen, fast als girre Ein Vögelchen in halbem Traum.
Und wenn, des Spieles müde, leise Der Knabe an mein Knie sich schmiegt, Wenn still auf meiner Hand die heiße, Die dunkelrothe Wange liegt, Wenn er mit unverdroßnem Quälen Mein Lesen und mein Sinnen stört, Bis seine Bitte, zu erzählen, Dem kleinen Schmeichler ich erhört. –
Wie ist er lieb und gut! Wie schauen Den märchenkund’gen Vater dann In frohem, hoffendem Vertrauen Die großen blauen Augen an! Dann denk’ ich wohl: Er soll nicht weinen, Weil strenge er und rau mich fand! Und aus der Stirne streicht dem Kleinen Die wirren Locken meine Hand.
Und kann er mir zur Seite schreiten In Sonnenbrand und Sturmgebraus, Dann soll er fröhlich mich begleiten Ins Feld und in den Forst hinaus, Dann will ich sorgen, daß er lerne Der Vögel Ruf und ihre Art Und wie das bunte Heer der Sterne Zu Bildern sich am Himmel schaart.
Er soll die Bäume unterscheiden Nach ihrer Laub- und Nadeltracht Und seine jungen Augen weiden An unsrer Falter Farbenpracht, Er soll mir jede Blume kennen Und jeden Busch im Waldrevier Und ihre Namen soll er nennen In wissensfrohem Stolze mir.
Wie sie mich einstmals aufgezogen In frischer, herber Bergesluft Und wie ich durstig eingesogen Der düstren Tannenwälder Duft, Wie ich in meinen Knabenjahren Im Moos verfolgt des Wildes Spur, So soll auch er an sich erfahren Den vollen Zauber der Natur.
Wie sich zur treuen Mutter wendet Ein Kind mit seinem kleinen Harm Und wie sein bittres Weinen endet Auf ihrem Schooß, in ihrem Arm, So soll Vergessenheit er suchen Im Leid und einen süßen Traum Auf Bergeshöh’n, bei grünen Buchen Und an des Meeres Dünensaum.
Er soll mir treu der Mutter bleiben, Der milden, gütigen Natur – Wir haben, wenn der Menschen Treiben Uns widert, diese Zuflucht nur. Mit kühlem Hauche uns zu fächeln Die Stirn, ist immer sie bereit, Und leise weicht vor ihrem Lächeln Die tiefste, herbste Bitterkeit.
Wenn er mit rechtem Ohr zu lauschen Dem Zwitschern und Gezirp versteht, Dem tiefen, feierlichen Rauschen, Das durch die Föhrenwipfel geht, Dann wird – und stürme alles Hassen Der Erde feindlich auf ihn ein – Er nimmer ganz und gar verlassen Und nimmer ohne Tröster sein.