German poem
Weihnachtsabend
Weihnachtsabend.
Ihr sucht umsonst ihn im Palaste, Den Friedensgeist der heil’gen Nacht; Vergebens ruft man ihn zu Gaste Zu eitlem Prunk und hohler Pracht. Er macht, bekümmert abgewendet, Vor breiten Marmorstufen Halt, Und wie ihr auch die Augen blendet ― Die Herzen bleiben leer und kalt.
Er sucht die allerengsten Räume, Die er mit seinem Licht verschönt ― Da findet er die Kinderträume In Herzen, die noch unverwöhnt; Da kann er seine Einkehr halten Bei Nadelduft und Kerzenschein, Da kann das Märchen freundlich walten Und König und Gebieter sein.
Da machen arme, kleine Gaben Noch Tausende unendlich reich, Und was wir einst gelesen haben Vom Nazarener sanft und weich, Daß er mit wenig Fisch und Broten Den Hunger Tausender gestillt ― Es wird das Wunder uns geboten Nun als ein Gleichnis und ein Bild.
Das ist, wie aller Weisheit Ende, So auch der Zauber dieser Nacht, Daß man ein Kind mit kargster Spende Noch unaussprechlich selig macht, Daß man es führt in Märchenhallen, Wenn man zurück den Riegel schiebt, Daß es als glücklichstes von allen Sich fühlt, wenn man es wahrhaft liebt.
Die Weihnacht wird ein Freudenbringer, Das Herz des Kindes jauchzt und bebt, Wo lang zuvor mit derbem Finger Der Vater schnitzelt, pappt und klebt, Wo lang zuvor die treue Mutter Genäht mit nimmermüder Hand Und schließlich für der Mütze Futter Nur Zeit zu großen Stichen fand.
Sei’s immerhin ein armer, schlichter, Ein karger Tisch an diesem Fest! Die Kinder sind geborne Dichter Und träumen spielend sich den Rest. Die Kleine, die den bunten Plunder Der Puppe an ihr Herzchen drückt ― Wer weiß, ob je ein Marmorwunder Sie auch nur halb so tief entzückt!
Der Knabe dort ― er spornt von hinnen, Er streichelt froh sein struppig Roß; Er schmückt mit Thürmen und mit Zinnen Phantastisch sich ein Zauberschloß. Die Klötzchen sind aus schlechtem Holze, Mit denen er das Wunder baut ― Doch ob er je mit gleichem Stolze Auf Werke seiner Hände schaut?
Und weiter wirkt, ein stiller Segen, Die Weihenacht sein Lebelang Und ihr Gedenken kühlt wie Regen Nach Staub und Glut auf weitem Gang. Das wahre Glück, das Glück der Weisen Vergoldet ihm den trübsten Tag Und reicher darf er kühn sich preisen, Als der in goldner Wiege lag.
Rudolf Lavant.