German poem
Wie wir uns unsere Leser wünschen
Wie wir uns unsere Leser wünschen.
I.
„Mein Herr Gemahl, ich möchte schmollen! Ich warte auf den Morgenkuß Und finde Sie im ruhevollen Genuß des neuen „Omnibus“? Es war doch sonst Kalenderlesen Nicht Ihre Art, mein Herr Gemahl; Ich bin umsonst beredt gewesen, Wenn ich den meinen warm empfahl.“
„Ja, siehst Du, Anna, auf die meisten Thu ich von vornherein Verzicht. Man schlägt sie über einen Leisten Und das ― nun ja, das lockt mich nicht. Hier bringt dem Volk man Langentbehrtes ― Die Leute blicken hoch und weit; Das Heft ist ein bemerkenswerthes, Willkommnes Zeichen mir der Zeit.“
II. Im Studirzimmer.
„Das ist fast komisch doch im Grunde! Das Heft, das auf dem Pult ich fand, Ich nahms in einer müßgen Stunde Mitleidig lächelnd in die Hand ― Und stehend les‘ ich immer weiter, Erfreut durch manches hübsche Wort; Ich werde weich, ich werde heiter Und ohne Ende zieht’s mich fort!
Hier find ich doch ein ernstes Streben, Ein treues für die Wahrheit Glühn! Man will dem Volk das Beste geben Und der Erfolg krönt das Bemühn. Was wir im Hörsaal schüchtern sagen, Wohl auch in Büchern von Gewicht ― Hier wird‘s ins Volk hinausgetragen, Beherzt und unverblümt und schlicht.“
III. In der Schlafstelle.
„Das ist doch endlich ein Kalender! Und nach des Tages Last und Qual Studir‘ ich den Belehrungsspender Des Abends nun zum dritten Mal. Die Zeitung schreiben alte Weiber Und was sie fabeln, das ist Quark; Wie anders die Kalenderschreiber ― Das hat doch Kraft und Saft und Mark!
Das ist, wie wenn die Vögel pfeifen Im Frühling, wenn der Schnee zergeht; Die wissen tüchtig zuzugreifen Und schreiben so, daß man’s versteht. Hätt‘ ich sie hier, es kriegte jeder Von mir mit Freuden einen Kuß ― Schreibt nur, ihr Männer von der Feder, Noch manchen solchen Omnibus!“
IV. In der Bauernstube.
„Ja, Weib, das ist nicht zu bestreiten, ‘s ist anders, wie der Pfarrer spricht, Wenn über die verderbten Zeiten Den Stab er auf der Kanzel bricht. Er spricht schon anders in der Schenke Und ― ist denn auch nur er gescheut? Drin in den Städten ― schau, ich denke, Da wohnen auch noch kluge Leut‘.
Man grübelt auch und stellt sich Fragen Bei Regen und bei Sonnenschein, Und vieles, was die Leute sagen, Ist neu, mir aber leuchtet’s ein. Am Tag regieren Pflug und Besen ― Man hat halt weiter keine Wahl, Doch Abends muß Marie uns lesen Das Alles hübsch zum zweiten Mal.“ R.L.