German poem
Elfenwirthschaft
by Rudolf Löwenstein (1819–1891)
In einer kleinen Stadt am Rhein Kehrt’ ich einmal ermüdet ein. Es war schon Nacht, der Wächter rief Die zwölfte Stund’. Rings Alles schlief, Am Regenhimmel, ach, kein Stern, Kein Lämpchen irgend, noch Latern’! Die dunklen Straßen kreuz und quer Ging ich, verschmachtend fast, umher, Und endlich kam ich vor ein Haus – Es sah wie eine Herberg’ aus. Ein breites Schild auf breitem Thor, Ich stand unschlüssig nun davor, Doch – was kann’s schaden? dacht’ ich dann Und klopft’ am Fensterladen an. Da öffnet sich ein Schieber schnell, Zwei Augen seh’ ich blitzen grell Und eine Nase, riesengroß. Ein Männlein fragt: „was ist denn los? Was willst Du, kleiner Knirps, denn hier?“ „Ach,“ fleht’ ich, „nur ein Nachtquartier!“ Das Männlein lacht hellauf und spricht: „Hast vor Gespenstern Angst Du nicht, So komm’ herein! im Kämmerlein Wird Platz genug noch für Dich sein!“ Ich trat in’s Haus. Beim Kerzenstrahl Sah ich ein Männlein grau und fahl; Doch schien’s nicht bös, wie ich gedacht; Hat Speis’ und Trank mir gleich gebracht, Mich viel gefragt, woher ich wär’, Wie alt, ob fleißig, und noch mehr. Dann führt’ es mich in’s Kämmerlein, Sprach: „Willst Du ruhig nicken ein, So zähm’ die Neugier mit Gewalt, Guck’ nicht durch jener Thüre Spalt, Wir haben just die Geisterstund’, Gut’ Nacht, mein Söhnchen, schlaf gesund!“ Ich streckt’ mich auf die Diele hin, Doch kam kein Schlaf mir in den Sinn. Stockstill und finster mein Gemach, Daneben aber Ach und Krach, Ein Lärmen, Toben und Getos, Als wären hundert Böcke los. Bald scharrt es hier, bald schnarrt es dort, Bald kommt es nah’, bald läuft es fort, An mir vorbei in wildem Trab, Gestalten huschen auf und ab. Jetzt pickt mich was am großen Zeh, Jetzt zwickt es mich am Ohr, o weh! Es zupft mich hier, es rupft mich da, Weiß selber kaum noch, wie’s geschah, Doch zog es zu der Thüre Spalt Mich heimlich weiter mit Gewalt. Was sah ich nun? Vom Mondesschimmer Erhellt ein weites, weites Zimmer, Und an den Wänden Kruken und Kannen, Und Flaschen und Schachteln, Krausen und Pfannen, Und Alles inwendig Urplötzlich lebendig! Aus jedem Schübchen Guckt ein Bübchen, Aus jedem Töpfchen Ein muntres Köpfchen, Aus jedem Schälchen Ein heitres Seelchen, Aus jedem Gläschen Ein pfiffiges Näschen. Es rollten Die Kleinen Auf lustigen Beinen Kopfüber, kopfunter, Und trollten Sich munter, Bis eine Stimme im Feldherrnton Rief: „Stillgestanden vor Oberon!“ Da machten die Kleinen Front sofort, Und der König begann mit festem Wort: „Ich grüß’ Euch, Liebe und Getreue, Die Ihr versammelt um mich auf’s Neue, Euch Alle, die sich aus fernen Landen Zu meinem Dienst zusammen fanden. Erdgeister, Ihr vom Flammenstrome – (Da neigte sich tief das Heer der Gnome), Ihr Blumengeister, sonnenklar – (Da neigte sich der Elfen Schaar), Ihr Quellengeister von Bach und See – (Da neigte sich dankend Nix und Fee), Ich habe so eben in dieser Nacht Die Runde durch die Stadt gemacht. Dort liegt ein Kindlein Krank in den Windlein – „Schnell mischt ihm ein Tränkchen Aus Euren Schränkchen! Dort liegt ein Krieger, ein todeswunder Auf, braut jetzunder Und häufelt Und träufelt, Daß er gesunde, Ihm Balsam in die brennende Wunde! Dort, bei der kranken Mutter droht Mit kalter Hand der bleiche Tod. Auf, helfet dort Und jaget fort Den bleichen Gesellen! Laßt Leben quellen Und Lebenswonnen Aus Euren Bronnen! Dort klagt ein Greis – mischt Eure Kräutchen! Ein Jüngling dort und dort ein Bräutchen, Dort giebt’s zu trösten und dort zu helfen, An’s Werk! an’s Werk! ihr guten Elfen!“
Da kamen die Kleinen – Eins, Zwei, Drei! Herbei, Und schleppten Zucker heran und Manna, Und aus der Havanna Die Nicotiana. Es kam der Mohn und brachte stumm Sein Opium, Nachtschatten, Schierling und Bilsenkraut Brachten herbei, was sie gebraut. Stechapfel, Schöllkraut und Kellerhals Und der wilde Lattich ebenfalls, Der Finger-, Eisen- und Pfaffenhut, Sie brachten Säfte, frisch und gut, Auch Bella Donna bot sich an: „Ich helfe, wo ich helfen kann!“ Und mit den Giften kam zum Schluß Der Nieswurzmann, Herr Helleborus. Da niesten Kobold, Nix und Elf Und Oberon sprach sein: „Gotthelf!“ Es stellten zum Dienst sich freudig alle Kobolde der Steine und Metalle, Es eilte her auf flüchtigem Fuß Des Weines Geist, Herr Spiritus, Benamst der große Alkohol, Und sprach: „o Herr, zu der Menschheit Wohl Magst Du nach Willkür und Vergnügen Frei über Deinen Knecht verfügen!“
Drauf sprangen sie in buntem Gemisch An die Arbeit frisch, Sie pochten und kochten, Sie stampften und dampften, Zerrieben und hieben, Sie rührten und schürten, Schmierten und schnürten, Sie hoben mit festen Händen die Schwengel Und preßten So Blüthen, als Kapseln und Stengel Und zogen Essenzen – Ihr könnt mir’s glauben – Und sogen Potenzen Aus Dolden und Trauben, Aus Körnern und Dörnern, Aus Bast und Borke Und stopften und klopften Die Flaschenkorke, Sie wägten und wippten, Kippten und nippten, Es füllten die Gase Aus Helm und Blase Und Wohlgerüche Die Zauberküche.
Herr Oberon, der lief dazwischen, Sah zu, daß die Kleinen richtig mischen, Und rief zu Kobold, Elf und Fee Ein lustiges „Recipe! Recipe!“
Die Händchen ruhten Nicht zehn Minuten, Und eh’ ich’s gedacht, War Alles vollbracht – Die Pulver, Pillen und Mixturen, Die Näpfe gebunden mit festen Schnuren, Die Salben fertig und fertig die Dütchen, Auf jeder Flasche ein blaues Hütchen, Ein langer Zettel auch dran gebunden, Die Zahl der Löffel zu bekunden. Herr Oberon schaute fröhlich drein: „Mög’s allen Armen zum Segen sein!“
Da schlug es Eins – und mit einem Ruck Verschwunden war der Geisterspuk. Ich aber hab’ die ganze Nacht Gewacht und still bei mir gedacht: „Dank Ihm, der auch durch Giftes Kraft Noch Wunder thut und Leben schafft, Dank sei dem Herrn, der Solches thut, Wir steh’n in guter Geister Hut!“
Was meint Ihr wohl, wo ich gewesen? Ich hab’s am nächsten Morgen gelesen, Es war gemalt an des Hauses Schild Gar lieblich eines Knaben Bild Mit Flügeln und einem Lilienstengel. Und an der Wand Darunter stand: „Die Apotheke zum goldnen Engel.“