German poem
Zweifel
by Rudolf Presber (1868–1935)
Gestern Mittag sagt mir wer – Pfui, mich so zu packen! – »Alter Sohn, dein Gang wird schwer »Und gebückt dein Nacken;
»Und mir scheint, dich schmerzt dein Knie »Allemal beim Bücken; »Silbern schimmert’s dir bereits »Von den Schläfenbrücken.
»Nächstens kriegst du’s Zipperlein »Und den Wilhelmsorden, »Und dann siehst du endlich ein, »Dass du alt geworden« …
Und da hab’ ich ohne Wort Meinen Schirm ergriffen; Tief entrüstet ging ich fort, Hab’ mir eins gepfiffen.
Aus der Stadt schritt ich hinaus, Um ins Land zu sehen – Rechts das rote Krankenhaus, Links die Mausoleen. –
Bei der Höhe auf der Bank, Tief die Stadt als Schemel, Sass ein Mädchen sehnsuchtskrank, Las im Richard Dehmel. Und wir kamen ins Gespräch So von dem zum andern – Hatten just denselben Weg Beim Nachhausewandern.
Vater tot und Mutter krank, Und zu Haus kein Eden … Na – wie Mädchen auf der Bank Abends eben reden.
Sprachen dann beim Mondenschein Von der Nächte Schöne, Und wir fanden ungemein Viel verwandte Töne.
Seltsam – wie beim Abschied just, In des Stadtthors Schatten, Uns’re Lippen unbewusst Sich gefunden hatten.
Und mit heissem Jugendtrank Meine Seele labend, Sprach sie leise: »Bei der Bank, Liebster, morgen abend!« …
Und ich trug mein Herz so heiss Heim von all dem Glücke – – Ach, was schert mich nun das Weiss An der Schläfenbrücke!