German poem
Epistel an den Geheimenrath von Diez
by Susanne von Bandemer (1751–1828)
Dir dank’ ich, edler Mann! für jene frohe Stunden, Die Witz und Geist und Scherz dem Herzen mitgetheilt, Das unter gute Menschen gern verweilt, Die deine Freundschaft ehrt. Die Freude, dort empfunden, War lange meiner Seele fremde, war Schon manches durchgeweinte Jahr Für mich ein Bild der bessern Ideale! Die ich, mein theurer Diez! mit Rosenfarben mahle. Du lächelst meiner Phantasie? Ja, Menschenkenner, lächle nur; Unglücklich machte sie mich nie, Sie ist für mich die Würze der Natur. Wohl mir! sie hat mich nicht der Wirklichkeit entführet, Weil sie den deutschen Mann so ganz realisiret, Den meine Schwärmerey sich schuf, den ich – Schon völlig todt für dieses Erdenleben – Nur geistig sah vor meinen Augen schweben, Bis dieses Bild der bessern Wahrheit wich; Nicht wahr? dieß alles wird den kleinen Zwist erneuen, Der meinem armen Kopf nur zu gefährlich ist; Allein, mein theuerster Sophist, Du wirst der Dichterinn die süßen Schwärmereyen Für eine Wahrheit doch verzeihen: So wahr du Philosoph und Staatsmann bist, Nie geht für meinen Ohren Der Suada Zauberkraft verloren, Die stets aus deinem Munde spricht. Und dieß Gefühl ist wahrlich kein Gedicht.