Versos German Victor Blüthgen Im Banne des Mittelalters

German poem

Im Banne des Mittelalters

by (1844–1920)

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Aus Spaniens fernen Tagen, aus der Zeit Des Mittelalters, trotzig, wüst und blutig, Klingt ein Geheul von ungeheurem Leid, Bricht Flammenlodern, grell, zerstörungsgluthig; Stets wächst das Elend, das zum Himmel schreit, Und ob dein Auge noch so fest und muthig: Die Wimper zuckt, willst du das Bild erfassen Des Unglücksvolkes, das sein Gott verlassen.

Das ist der störr’sche Nachwuchs Ahasver’s, Der inbrunststark der Väter Erb’ umfaßte; Zerbrochen war der Schutz des Maurenspeers Von jenen Christen, die sein Glaube haßte; Kein Wunder hielt die Fluth des rothen Meers, Bis daß Jehova’s Volk bei Palmen raste: Zerfleischend traf’s, zum Christenschwert erkoren, Das Kreuz der Liebe, das sein Schooß geboren.

Das schwang der Wahnwitz und die Beutegier Und finstre Rachlust, glaubenshaßverbündet; Das hob zerstörungsfroh die Rohheit hier, Und dort die Lust der Sinne, frech entzündet; Mit allen Lastern regte sich das Thier; Und vor dem Zeichen, das Versöhnung kündet, Vor dem Verrath, vor Folter und Vernichtung Floh Israel in aller Winde Richtung, –

Jüngst träumte mir – mit Schaudern denk’ ich dran – Als hätt’ in ihren weltverborgnen Grüften Die Schreckenszeit gelöst des Todes Bann Und stieg’ gespenstisch aus erbrochnen Klüften. Nachtfinster kam’s – ein Brodem ging mich an, Wie ein Gemisch aus Blut- und Moderdüften, Und gräßlich sah ich jener Zeit Gestalten Weithin und weiter ihres Wesens walten. Ein ferner Angstschrei scholl von allem Land, Ein wilder Schrei, wie aus Verlorner Munde; Und um mich rief’s nach Ketten und nach Brand, Nach neuen Schlägen in die alte Wunde – Und wie ich qualvoll vor dem Räthsel stand, Da – – wacht’ ich auf; und tief von Herzensgrunde Sog ich den Athem, noch des Spuks verwundert. – Es war ein Traum – – im neunzehnten Jahrhundert!

O beßre Zeit – gelobt, gesegnet sei, Und, heil’ge Duldung, du auf deutscher Erde! Gesetz und Vaterland, die hehre Zwei Faßt alle Bürger fest zu Einer Heerde; Jedweder ringt, weß Glaubens er auch sei, In seiner Weise, daß er glücklich werde, Und jene Schmach barbarischer Gerichte Versiegelt uns der Fluch der Weltgeschichte.