German poem
Waldmärchen
by Victor Blüthgen (1844–1920)
Jüngst hätt’ ich balde Süßdurchgraut, Verloren im Walde, Ein Märchen geschaut. – In Waldgrundmitte, Verfallen und grau, Treff’ ich die Hütte Der Kräuterfrau; Die Schindeln seit lange Vergraben in Moos, Halb aus dem Hange Raget sie blos. Zwei Gänse, träge Vor Langeweil’, Im Lattengehege, Und Klotz und Beil, Und ein Kupferkessel, Hängend, beim Haus. Rings Farn und Nessel Und wüster Graus, Rings Waldnachtsschweigen Und Einsamkeit, Nur daß in den Zweigen Der Häher schreit, Nur daß es blaulich Vom Schornstein fliegt, Ein Kater beschaulich Auf’s Dach sich schmiegt. – Und Hans und Greten Erblick’ ich, die zwei; Sie trippeln betreten, Schüchtern herbei. Der Junge drückt sich Der Schwester nach; Die steht und bückt sich Und späht ins Gemach. Mit leisem Geschnatter Hebt sich die Gans; Feindselig durch’s Gatter Zischt sie zum Hans; Es öffnet die Lider Der Kater sacht Und schleicht sich hernieder Auf Sohlen der Nacht. Nun spinne, du Märchen – – Es spinnt nicht mehr. Wohl kam zu dem Pärchen Die Hexe nachher; Triefäugig stand sie Und runzlig alt. Ich ging und fand sie Später im Wald, Wo sie sich sonnte; Sie klagt über Gicht, Doch zaubern konnte Die Gute nicht.