Versos German Victor Blüthgen Weihnachtswanderung

German poem

Weihnachtswanderung

by (1844–1920)

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Vom bewölkten Himmel schwebt Aschefahler Dämmrungsschleier; In der Stadt, die um mich lebt, Wirkt das Volk die Weihnachtsfeier. Aus den weißen Dächermassen Lockt und winkt ein Summen, Klingen, Will mich in die hellen Gassen Noch ein kurzes Stündchen zwingen.

Wohl: mir steht der Baum geschmückt, Dran die Früchte golden reifen, Und ich mag so gern beglückt Als ein Weihnachtswandrer schweifen. Aus der Enge steig’ ich nieder, Daß mein Herz sich mög’ erweitern, An der Lust der Menschenbrüder Sich die eigne Lust verbreitern.

Märchenwonne, Weihnachtsglanz! Welch ein Drängen, eifrig Regen! Im Gewühl verloren ganz, Wall’ ich über feuchten Wegen. Durch die Lichtfluth, rings zu schauen, Tauch’ ich, ein verklärter Schwimmer, Und aus Augen, braunen, blauen, Trink’ ich heißer Wünsche Schimmer.

Weiter treibt’s und weiter fort, Kinderlachen führt mich munter. Aus den Fenstern hier und dort Strahlt schon Christbaumglanz herunter. Enger wird’s; die Füße tragen Bald den Träumer sonder Willen, Wo der Vorstadt Häuser ragen, Die verschneiten, winterstillen.

Bei der Brücke wach’ ich auf: Ist die Weihnachtswelt zu Ende? Drüben über’m Grabenlauf Wärmt ein Weib die frost’gen Hände – Tannen kauft man, wo im Becken Röthlich dort die Kohlen glos’ten: Bis in’s nächt’ge Feld erstrecken Sich der Weihnacht letzte Posten.

Dann beginnt das kahle Land; Schnee und Dämmrung, weit zurücke! Und mich zieht’s, wie eine Hand, Fort von der belebten Brücke: In das frostig ernste Schweigen Tret’ ich ein mit leisem Schauer. Was bewegt dich, Herz, so eigen In dem Feld voll Tod und Trauer

Abgeschieden hält mein Fuß; Ferne summt der Weihnachstrubel; Gleich versagter Freuden Gruß Klingt herüber Kinderjubel. Mich ergreift ein fremdes Sehnen; Melancholisch krächzen Raben – – Und mir wird zu Muth, wie Jenen, Welche keine Weihnacht haben.