German poem
Der Mystische Trompeter
by Walt Whitman (1819–1892)
1.
Horch, welch wilder Musikant, welch seltsamer Trompeter Unsichtbar heute Nacht in Lüften schwebt und tolle Weisen schmettert.
Ich höre dich, Trompeter, scharf lauschend vernehm ich dein Spiel, Jetzt um mich strömend, wirbelnd wie ein Sturm, Jetzt leise, unterdrückt, jetzt in der Ferne verloren.
2.
Komm näher, Körperloser, vielleicht erklingt in dir Ein toter Komponist, vielleicht erdrückte dich Ein hohes Streben, ungeformtes Wollen, Chaotisch drängten sich Klangwogen, Ozeane stiegen, Daß nun dein Geist ekstatisch sich mir neigt und dröhnend schütternd seine Rhythmenflut Vertrauensvoll in meine, meine Ohren gießt, Daß ich sie übersetze.
3.
Blase, Trompeter, frei und hell, ich folge, Und wie dein Vorspiel heiter froh verfließt, Schwindet die fressende Welt, die Straßen, die lärmenden Stunden des Tags, Heilige Stille senkt sich wie Tau auf mich nieder, Ich wandle in kühl erfrischender Nacht die Pfade des Paradieses, Mir duftet das Gras, die feuchte Luft und die Rosen; Dein Lied entfaltet den starr gefesselten Geist -- befreit mich, läßt mich los, Ich schwimme wohlig im Himmelssee.
4.
Blase nur, Trompeter! und vor die sehenden Augen Stell mir die alten Heiden, bring die feudale Welt. Was Zaubers wirkt dein Spiel! es tauchen vor mir auf Längst tote Herrn und Damen, Barone in ihren Schlössern, die Troubadoure singen, Gewappnet ziehn Ritter dem Unrecht entgegen oder suchen den heiligen Gral; Ich sehe Turniere und Streiter in schwerer Rüstung auf knirschenden Rossen, Ich höre das Jauchzen, das Dröhnen von Hieben und Stichen; Ich sehe der Kreuzzugsheere Getümmel -- horch, wie die Zimbeln schallen, Sieh dort den Zug der Mönche mit hoch erhobenem Kreuz.
5.
Blas nur Trompeter! und zum Thema Nimm nun das Thema, das alle einschließt, lösend und bindend, Liebe, den Takt der Welt, den Trost und die Tränen, Mannes und Weibes Herz mit nichts als Liebe, Kein andres Thema als Liebe, -- knüpfende, hegende, allüberschwemmende Liebe.
O wie die unsterblichen Wesen sich um mich drängen! Ich sehe den großen Vergaser ewig tätig, ich kenne die Flammen, die Heizer der Welt, Glut und Röte, pochende Herzen der Liebenden, So selig manche, und manche so still, dunkel, nahe dem Tode; Liebe, außer der Liebenden nichts ist -- Liebe, die Zeit und Raum überwindet, Liebe, die Tag und Nacht ist -- Liebe, die Sonne und Mond ist und Sterne, Liebe in Scharlach und Üppigkeit, duftkranke Liebe, Keine Worte als Worte der Liebe, kein andres Denken als Liebe.
6.
Blas nur, Trompeter -- beschwöre den Krieg.
Schnell rollt deinem Ruf ein murrendes Beben wie ferner Donner, Sieh, die Bewaffneten eilen -- sieh durch geballten Staub das Glitzern der Bajonette, Da Kanoniere finsteren Blicks, und jetzt der rosige Blitz aus dem Rauch, ich höre den Krach der Geschütze; Nicht Krieg allein -- dein furchtbares Lied, wilder Spieler, bringt jegliches Schreckensgesicht, Taten ruchloser Räuber, Plünderung, Mord -- ich höre die Hilfeschreie! Ich sehe scheiternde Schiffe auf hoher See, gewahre auf Deck und unter Deck die gräßlichen Szenen.
7.
Trompeter, mir ist ganz, als spieltest du auf mir, Du schmelzest Herz und Hirn -- rührst sie und ziehst und wandelst sie nach Laune; Und jetzt erfüllt dein dumpfes Tönen mich mit Finsternis, Du raubst das muntre Licht und jedes Hoffen, Ich sehe die Getretnen, Unterjochten, Leidenden, Gedrückten des ganzen Erdenrunds, Ich fühle meines Geschlechts Demütigung und maßlose Schmach, sie wird die meine, Mein auch die Empörung der Menschheit, der Schimpf der Jahrhunderte, die zuschanden gemachten Fehden und Wüte, Völlige Niederlage lastet auf mir -- alles verloren -- der Feind triumphiert, (Doch in den Trümmern steht wie ein Riese der Stolz, ungebrochen zum Äußersten, Geduld, Entschlossenheit zum Äußersten.)
8.
Trompeter, nun zum Ende Gewähre höhere Weise als bisher, Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen, Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft, Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
O froher, jauchzender, gipfelnder Sang! Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt, Siegsmärsche -- der entjochte Mensch -- der Überwinder, Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen -- lauter Lust! Die Menschheit neugeboren -- die Welt vollkommen, lauter Lust! Frauen und Männer gesund, unschuldig, weise -- lauter Lust! Lachende, rauschende Feste strotzend voll mit Lust! Krieg, Elend, Kummer fort -- Erde von Fäulnis rein -- Lust einzig übrig! Die Meere lusterfüllt -- die Lüfte lauter Lust! Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Überschwang des Lebens! Genug das bloße Sein! Genug zu atmen! Lust! Lust! Überall Lust!