German poem
Der Stein auf dem Markte in Budissin
by Widar Ziehnert (1814–1839)
Der mächt’ge König Wenzel zieht ein in Budissin, und reitet mit dem Trosse flugs vor das Rathhaus hin, und spricht zu seinen Rittern: „Kam ich sonst mal hieher, da kam man, mich zu grüßen; jetzt sind die Gassen leer!“
Er schickt ein Fähnlein Knechte, daß es die Thore sperrt, und steigt herab vom Rosse, und zieht sein langes Schwert, und läßt stracks vor sich fordern die Innungen der Stadt mit ihren Freiheitsbriefen und auch den alten Rath.
Drauf schreitet er in’s Rathhaus, die Ritter hinterdrein, und nimmt an langer Tafel den Quersitz oben ein. Zu beiden Seiten sitzen die Ritter allzumal; der König spiegelt sinnend sich in des Schwertes Stahl.
Vorn stehn die beiden Schergen, aufs breite Beil gestemmt, und fordern streng die Waffen von Jedem, der da kömmt. Scheu kommen die Rebellen und zitternd vor’s Gericht, der alte Rath naht grüßend mit freud’gem Angesicht.
Die Gildenmeister legen mit todesbangem Sinn die Innung-Freiheitsbriefe stumm vor den König hin, und harren mit Entsetzen, furchtbarer Ahnung voll, was hier mit ihnen allen gerechtet werden soll.
Der König spricht: „Wohl kenn’ ich die Meuterei der Stadt! Ihr legtet vor zwei Jahren Hand an den alten Rath, Ihr, Burgemeister Schefer, der ihr es Rechtens seyd, eu’r Wort war stets in Ehren, sagt an und gebt Bescheid!“
Der greise Burgemeister trat traurig vor, und sprach: „Herr, laßt mir die Erzählung der bösen Zeiten nach! Es war am nächsten Morgen nach Jesu Himmelfahrt, als uns des Amtes Mühe so arg vergolten ward.“
„Die Tucher und noch Viele aus andern Gilden mehr verschworen sich zusammen, und kamen früh hieher, und trieben uns von dannen mit bösem Schimpf und Spott; wir hatten’s nicht verschuldet, das weiß der liebe Gott!“
„Der wackre Reichard Schardwitz, den ihr so lieb geschätzt, der ward im Lauenthurme in Ketten festgesetzt. Uns And’re ließ man ledig mit unserm Jammer zieh’n, mit unsern Aemtern haben die Tucher sich belieh’n.“
„Drauf haben sie den Landvogt, den Pflug von Rottenstein, auf Ortenburg belagert bis in den Herbst hinein. Sie haben viel des Bösen und Unfugs ausgeübt; mag’s Gott der Stadt vergeben, sie hat uns tief betrübt!“
Der König spricht: „So ist es! Ich weiß die Meuterei, und nur die Fleischergilde blieb von dem Frevel frei. Die andern sollen’s büßen, was sie am Rath gethan! Ihr murrt? Ich will euch zeigen, was König Wenzel kann!“
Aufspringt er von dem Sessel, und reißt in wilder Wuth die Freiheitsbrief’ in Stücken: „Schau her, verworf’ne Brut! Dein Recht tret’ ich mit Füßen! Sprecht, was mich hindern will, daß ich euch nicht erwürge!“ und Alle – schweigen still.
Die Wuth zwängt seine Stimme, er schlägt mit starker Faust so grimmig auf die Tafel, daß selbst den Rittern graust. Sein Auge rollt und funkelt, sein Antlitz wird so bleich, die Lippe schäumt, – die Bürger, sie zittern allzugleich.
Da tritt der alte Schefer besänftigend ihn an: „Herr, laßt’s die Stadt nicht büßen, was sie an uns gethan! Die meisten der Verklagten, sie wurden erst bethört; und nur der Meute Häupter sind solcher Strenge werth.“
„Wohlan! – hub drauf der König mit heiser Stimme an – so nennt mir diese Buben, daß ich sie richten kann.“ Der Burgemeister nennet die Namen ängstlich her, die Herrn des neuen Rathes und viele And’re mehr.
Er nannte hundert Namen, ein Ritter schrieb sie auf, der König rief vom Markte die Reisigen herauf, und spricht zu ihrem Führer: „Schafft diese Männer fort!“ und zu den beiden Schergen: „Gleich auf dem Markte dort!“
Da stürzt vor seinem König der alte Schefer hin: „Ach, Herr, um Gottes willen, erweicht den strengen Sinn! Laßt ihnen noch ihr Leben, sie werden’s schwer bereu’n, und werden fortan besser und wack’re Bürger seyn!“
„Nein nimmermehr!, – erwiedert der König düster drauf – das Wort, so ich gesprochen, hebt keine Bitte auf! Doch, daß man nimmer sage, daß ich zu strenge sey, wohlan, so wählet funfzig, die will ich lassen frei!“
Der Burgemeister wählet die Funfzig jammernd aus, die andern Funfzig führen die Schergen stracks hinaus. Drauf spricht der König warnend: „Ihr Bürger dieser Stadt, merkt euch, wie König Wenzel jetzt hier gerichtet hat!“
Der alte Rath war bieder, drum bleibt ihm unterthan, daß ich mit Lust und Freuden stets zu euch kommen kann.“ Er drückt dem alten Schefer die Hand, und winkt dem Troß, und eilt hinaus zum Saale, und schwingt sich auf sein Roß,
Und reitet durch die Menge und durch der Knechte Schaar hin zu dem Wassertroge, allwo der Richtplatz war. Dort kniet schon Fritzsche Flücker auf einer Bank von Stein; der Erst’ im Aufruhr, muß er der Erst’ im Tod auch seyn.
Die beiden Schergen wechseln im gräßlichen Geschäft, und Ströme Blutes triefen herab am Beilesheft. Die Köpfe rollen dröhnend aufs nackte Pflaster hin, zwar still, doch schaudernd sieht es das Volk von Budissin.
Der König, hoch zu Rosse, blickt stumm und finster drein, als wünscht’ er doch, er könnte den Meuterern verzeih’n. Und als das Paar der Schergen sein Werk vollendet hat, da wendet er den Rappen, und reitet aus der Stadt.
Um Mitternacht, da wandelt im blutigen Ornat rings um die Peterskirche der meuterische Rath. Sie schreiten so gespenstig je zwei im Zuge hin, und ihr Erscheinen deutet Unglück in Budissin.