German poem
Leben der Liebe
by Wilhelm Hertz (1835–1902)
Ach, an diesem trüben Tage Geht mir Kraft und Lust von hinnen, Liege träumend dir am Herzen: Wie der Tag, so ist mein Sinnen.
Denken muß ich immer wieder, Will ich deine Wangen küssen, Daß sie, ach, in kurzen Tagen Bleichen und verwelken müssen.
Denken muß ich, daß ich einmal Nimmer dich umfangen werde, Daß die heil’ge Gluth der Herzen Einst erlischt in feuchter Erde,
Daß vor uns’res Leibes Asche Unser Name schon zerstiebet, Niemand weiß, wie sich vor Zeiten Hier ein Menschenpaar geliebet. Und vergessen ist auf ewig Dieses lichten Auges Schimmer, Deines holden, treuen Herzens, Süßes Mädchen, denkt man nimmer!
Doch das Eine bleibet stehen, Ob sich Alles, Alles wende: Herzen hören auf zu lieben, Doch die Liebe lebt ohn’ Ende.
Wie ein ew’ger Geisterfrühling Schwebt sie strahlend ob der Erden, Blumen welken, Blumen keimen, Und im Tod ist ew’ges Werden.
Ihr der einzig Wandellosen Weihe du die flücht’gen Tage! Laß uns lieben ohne Bangen, Laß uns scheiden ohne Klage!
Ob in einem künft’gen Leben Dich mein Geist einst wiederfindet, Weiß ich nicht, das aber fühl’ ich, Daß dich jetzt mein Arm umwindet! Laß uns leben, daß am Ende Uns der eine Trost nicht fehle: Selig warst du auf der Erde, – Fahr’ in Frieden, meine Seele!