German poem
Schafara
by Wilhelm Hertz (1835–1902)
Im erstürmten Feindeslager Sitzt der greise Held Schafara, Yemen’s hochgepries’ner Sänger, Sinnend mit gesenkter Stirne. Doch nicht auf Gesänge sinnt er, Auf die wilden Siegesweisen, Die er sang in stolzer Jugend; Allzusehnig ward die Rechte Für der Saiten zarte Regung, Aber an dem eh’rnen Schwerte Pochet sie mit eh’rnem Finger. Denn der greise Held Schafara Sinnt auf Rache, sinnt auf Strafe, Da den einz’gen Sohn des Todfeinds Heut’ er selbst im Kampf gefangen. Finster winkt er seinen Kriegern, Und sie bringen einen Jüngling, Nackt, mit rückgeschnürten Armen, Aber hold wie junger Frühling. „Trittst du vor mich, Bild des Feindes?“ Ruft der Held und springt vom Sitze, „Ha, dein Anblick brennt mein Auge Schmerzlicher als Sand der Wüste, Glühender als Stich der Sonne! Schön bist du, schön wie dein Vater, Da er unsern Stamm bestohlen Um die Ehre meiner Schwester. Flehe nicht mit feuchtem Blicke, Denn für solchen Blick empfieng er Gastfreundschaft in uns’rem Zelte, Da er kam, ein nackter Flüchtling. Willst du Gnade bei mir finden, Reiße selbst aus deinem Antlitz Diese reizend falschen Züge Und verseng’ zu Staub und Asche Die wollüstig glatten Glieder! Ferne liegt die Zeit des Frevels, Lange Jahre blut’ger Fehde; Herbstlich färbt sich meine Locke, Doch mein Haß hat ew’gen Frühling. Greis ist dein verhaßter Vater, Greis und müde wie ich selber, Und sein tauber Rest von Leben Karge Speisung meiner Rache, – Doch da schickt er seine Jugend, Schickt sie ganz so schön wie damals, Als die meine er vergiftet, Daß der That die Strafe gleiche! – Bebst du, lächelnder Verführer, Gastrechtschänder, Gottverfluchter? Brechen aus den Rippen will ich Dir das Herz, das feige, blasse, Rothe Sühneopfer schütten Auf das Grab der armen Schwester, Die ich einst im Zorn erschlagen. Aber deinem Vater send’ ich Deines Hauptes blut’ge Locke!“ Also rief der Held Schafara, Und aus dem gestickten Gürtel Zerret er ein blitzend Messer. – Da fliegt auf des Zeltes Vorhang, Und gefolgt von wilden Kriegern Stürzt herein ein junges Mädchen Mit zerrissenen Gewanden. Um des Jüngling’s weißen Nacken Schließt sie zärtlich ihre Arme, Küßt sein todesscheues Antlitz, Deckt sein Herz mit ihrem Herzen. Doch es reißen sie die Krieger Höhnisch lachend vor den Emir, Der betroffen stockt und staunet. „Allah mit dir! Held Schafara!“ Spricht ein Mann mit blut’gem Turban, „Sieh’, wir kommen, dieses Tages Schönste Beute dir zu bringen, Ein gazellenflüchtig Mädchen. Wir ergriffen sie im Walfeld, Wo sie im Gewühl der Leichen Suchte des Geliebten Antlitz, Und man nennt sie Stern von Chaibar. Dir allein, o Held Schafara, Ziemt es, nach des Kampfes Dunkel Dich an diesem Glanz zu sonnen, Dieses Leibes Wonnebecher Auszuschlürfen bis zum Grunde.“ – Und der Emir steckt das Messer Langsam in den breiten Gürtel, Glüht sie an mit dunklem Auge, Und dann spricht er dumpf und ruhig: „Ist der Knabe dort dein Buhle?“ Doch das Mädchen schweigt und zittert, Und ihr feuchtes Auge flüchtet Schüchtern zu dem nackten Jüngling, Der von holder Scham verwirret Lächelnd ihrem Blick begegnet, – Und erröthend schweigen Beide. Lange schaut der Held Schafara In ihr rosenzartes Antlitz, Und sein Herz erfüllt Begierde. „Habet Dank für eure Gabe,“ Also spricht er zu den Kriegern, „Habet Dank, ich will sie nützen, Denn sie frommet meiner Rache. Führt ihn weg in sein Gefängniß, Bis zum Morgen soll er leben, Daß ihm noch sein keusches Liebchen Kann erzählen ihre Schande.“ – So geschah’s; doch als der Jüngling An des Zeltes Thür verschwunden, Sank die Jungfrau leblos nieder. – In des Zeltes inn’rem Raume Ließ der Held sein Bett bereiten, Sklaven sprengten duft’ge Wasser, Ließen qualmen süßen Weihrauch, Streuten Blumen der Oase, Rosen, Myrthen, Hyacinthen, Gold und Perlen auf den Teppich, Aber auf des Lagers Polster Legten sie den weichen Scharlach Und darauf das blasse Mädchen, Hängten dann hoch an die Decke Eine blaucrystallne Lampe, Neigten sich dem Herrn und giengen. Stille war’s im Zelt und draußen. Fern nur sang ein junger Wächter Lieder, glühend weich und sehnend, Seinem Liebchen in der Heimath, Und es blies der Wind der Wüste. – Langsam trat der Held Schafara Zu der stillen Bettgenossin, Zog hinweg die letzte Hülle, Die des Leibes Wunder deckte, Und erschrak in sel’gem Staunen. Tastend glitten seine Blicke Ueber die gelösten Glieder, Und sie wußten nicht, wo ruhen. „Groß ist Allah, sprach er endlich, Daß er hat das Weib geschaffen, Sich zur Ehre, uns zur Wonne!“ Lange stand er unbeweglich, Und auf seinem braunen Antlitz Schmolz des Grimmes eh’rne Falte, Und der nächt’ge Blitz der Augen Ward ein träum’risch Morgenleuchten. Denn er dachte seiner Liebe, Glückberauschter Jugendnächte, Dachte, wie er ebenbürtig Solcher Schönheit lag zur Seite; Und in tiefer Brust erwachen Ihm die alten Lustgesänge, Und ihm summt das Lied im Ohre, Das er sang in trunk’nem Schauen, Als er so zum ersten Male Mit wollüstig bangem Beben Seines Mädchens Leib enthüllte, Und er sprach in sich versunken: „Laß mich schau’n, vergeh’n im Schauen! Ich war blind, nun werd’ ich sehend, Und ich taumle wie ein Blinder, Dem die Augen plötzlich tagen. Meines Himmels Pforte öffn’ ich, Und mir ist, als schauten alle Seligen aus Allah’s Himmel Neidisch über meine Schulter. Siehe, schön bist du, und lockend Ist das Schmachten deiner Augen Und der Wangen Schamerglühen! Schön sind deines Busens Hügel, Schön wie klare Marmorkuppeln Ueber der Moschee der Liebe, Deren Knauf der Morgen röthet; Schön die Wölbungen der Hüften, Schwere, reife Wunderfrüchte; In der Dämm’rung deines Schooßes Schlummert eine Welt von Wonnen, Und auf deiner Glieder Wellen Schwankt das Schifflein meines Lebens Hier und dort, und schon versinkt es In ein seliges Verderben!“ – Also sprach der Held Schafara, Und in seinem Herzen rauscht es Wie das Sprudeln frischer Bronnen, Da des alten Lied’s er dachte; Und entzückt von der Erinn’rung Und der Gegenwart der Schönheit Beugt er sich verlangend nieder Zu dem regungslosen Bilde. Doch da fällt von seinem Barte Eine eisig graue Welle Auf des Mädchens schwarze Locken, – Und der Held erhebt sich langsam, Blicket starr hinweg und nicket Mit dem Haupt in tiefem Ernste: „Jene Zeit ist lang’ vorüber, Jenes Lied ist längst verklungen, Und ich bin ein Thor im Alter! – Friede mit dir, Stern von Chaibar! Deines Leibes Frühlingsblume Mag ein Frühlingssturm entblättern, Nicht des Herbstes rauher Athem. Hab’ ich nicht mein rüstig Leben Durchgekämpft für Ehr’ und Schönheit? Und ich sollte nun im Alter Meiner Jugend Werk beschimpfen, Meiner Jugend, deren Nachglanz Eben noch mein Herz erwärmte? – Jugend blühet nur für Jugend, Und das Grab blüht für das Alter. Ausgetrunken hab’ ich längst schon Dieser Erdenlüste Becher, Soll ich schlürfen an der Hefe? Ich war glücklich, mögen Andre Glücklich sein, in kurzen Tagen Sagen sie gleich mir: Ich war es. Sei denn glücklich, Stern von Chaibar!“ Plötzlich wird sein Auge finster, Und mit dumpfer Stimme spricht er: „Spott’ ich dieses Wunschs nicht selber? Fallen wird ihr Glück mit meines Jungen Feindes schönem Haupte, Und erzählen wird man einstens, Daß der greise Held Schafara Einen Knaben hingemordet, Um des Knaben Braut zu freien; – Und die Männer werden klagen Um den Knaben und das Mädchen Und ein Spottlied sich ersinnen Auf den greisen Narr’n Schafara!“ – Und auf’s Neue blitzt sein Auge, Blitzt hinüber nach der Jungfrau, Und von seinem Finger zieht er Einen Ring von Gold und Demant, Legt ihn auf die Brust des Mädchens, Und nach einem langen Blicke Spricht er mit bewegter Stimme: „Lebe wohl, du junges Leben, Süße Last des prächt’gen Lagers! Schlummerst du in deiner Brautnacht? Wahrlich dir, o Lust der Augen, Giebt der Herr das Glück im Schlummer: Friede mit dir, Stern von Chaibar!“ – Vor die Zeltthür trat der Emir, Und er rief den flinken Sklaven: „Bringt die köstlichsten Gefässe, Bringet Myrrhen her und Narden, Bringt die herrlichsten Gewande, Perlenschnüre, Ohrgehänge, Bringet Gold, soviel ihr traget, Bringet Wein im schweren Schlauche Und zwei bilderschmucke Becher, – Stellt mir Alles vor das Lager! Holt dann leise den Gefangnen, Legt des Jünglings stramme Glieder Zu des Mädchens weichem Leibe, Weckt sie auf mit Brautgesängen! – Und dann wacht bei eurem Leben, Daß kein Menschentritt sie störe!“ – Also sprach der Held Schafara, Nahm den Bogen, nahm die Lanze, Sprang auf seinen Lieblingsrenner Ungesattelt, ungezäumet, Und wie Sturmgewölk verschwand er In der stummen Nacht der Wüste.