German poem
Der verlorne Maitag
by Amalie von Imhoff (1776–1831)
Aus dem Reich der schönen Thetis, Aus der blauen Fluthen Bette Steigt der goldgelockte Phöbus, Um an ihrem schönsten Feste Mild die Erde zu beleuchten. Stolzer heftet er die Spangen Seines weiten Strahlenmantels Auf der hohen Brust zusammen. Lächelnd ziehen jezt die Nymphen An des Wagens goldne Deichsel Jene stolzen Sonnenrosse, Die den eitlen Sohn des Gottes In ein frühes Grab geschleudert, Aber ohne Sträuben folgen Sie dem wohlgewohnten Rufe, Und die Nymphen werfen scherzend Ueber sie die Purpurzügel. Leis eröfnet jetzt Aurora Ihre Kammer, wo sie einsam Ueber Titons graue Haare, Ueber ihren Wunsch getrauert, Da mit unvorsicht’ger Liebe Sie des Vielgeliebten Leben Nur zu seiner Qual verlängert, Ach! des freudenlosen Alters Muß er sich unsterblich grämen! Sie entfaltet dort im Osten Ihren saffrangelben Schleyer; Hesper, den sie bald verdunkelt, Leuchtet mit der Silberfackel Noch durch graue Morgenwolken – Aber jetzo nahet Phöbus – Von des Gottes Antlitz strahlet Ew’ges Licht und ew’ge Klarheit; Seine Flammenrosse schimmern, Reine Feuerfunken sprühen Aus des goldnen Wagens Rädern; Es entfliehen Nacht und Schrecken In den dunkeln Schoos des Orkus. Von dem lieblichbunten Kreise Junger Horen rings umscherzet, Steiget Phöbus in die Lüfte.
Aber plötzlich hüllt Aurorens Schönen Schleyer grau Gewölke, Löscht des kleinen Hespers Fackel, Wälzt sich immer dicht und dichter Unter Phöbus stolze Rosse, Die voll Trotz die Flammenhufe In die feuchten Wolken schlagen. Wie in weiter Landesebne, Die das Roß vom Sporn getrieben Leicht durchfliegt, [der Hufe Spuren Füllt der gelbe Sand von selber;] Höher als der schnelle Reiter, Staubeswolken aufwärts steigen, Daß der ferne Wandrer wähnet, In den langerhobnen Wirbel Sey ein großer Troß gehüllet, So umwallt die Sonnenrosse Graues neblichtes Gewölke; Von den Flammenmähnen schütteln Sie mit Iris bunten Farben Tausend zarte Regentropfen, Daß der Horen seidne Flechten, Daß die goldnen Ringellocken, Sonst ein Spiel der Morgenwinde Jezt von kaltem Thaue träufelnd Um die weißen Nacken sinken, Daß die flatternden Gewänder Dichter sich in feuchten Falten An die schlanken Hüften schmiegen, „Phöbus! ruft der Kreis der Mädchen, Wende dein Gespann, es netzet Dieser dicke Duft der Erde Uns die Schläfe, uns die Sohlen. – Doch mit sanftem Ernst versetzet Jezt der schöne Gott des Tages: Folget immer, holde Stunden, Sanft euch fassend, meinem Wagen; Denn der Vater will es also, Daß ich heute ungesehen Ueber diesem Thale schwebe, Die verkehrten Menschen strafend – Die auf schimmernden Altären Eiteln thörichten Gebräuchen Ihre schönsten Freuden opfern. Statt an meinem heitern Strahle Ihr erkaltet Herz zu wärmen, An Aurorens schönem Schleyer Sich im Frühlingshayn zu freuen, Fesseln sie mit goldnen Ketten An des feilen Plutus Wagen Heute ihre Sclavennacken. Statt im schön gewölbten Tempel Jenes feyerlichen Haynes Heut auf grünenden Altären Freudenopfer darzubringen, Auf des muntern Waldorchesters Feyerhymnen froh zu horchen, Zählen in geschmückten Zimmern, Geldgier in den stieren Blicken Aengstlich sie gemahlte Blätter, Und entzweyen sich um Pappe! Unglückseliges Geschlecht! Selbst in Tempe’s Fluren elend. An Ilissus Veilgen Ufern, Würdet ihr nach Karten greifen! –
Doch wer wandelt wohl dort unten, Stürmen trotzend und dem Regen? Zwischen feuchtem Mooße pflücket Er bedächtlich jezt Violen, Wie die Mädchen sie den Wiesen Nur an schönen Morgen rauben; Zart die schweren Regentropfen Aus den kleinen Kelchen schüttelnd, Trillert ruhig er ein Liedchen – Ha! – Jezt kenn’ ich ihn, ein Liebling Ist er jener holden Neune, Der sich meinem Heiligthume Oft bescheiden flehend nahte, Den ich nicht zurück gewiesen. – Für die Freundin, die er ehret, Die indeß das Thal durchwandelt, Sinnender dies Fest begehend, Pflückt er auf der Höh’ die Blumen. Ihm, der die Natur verehret, Und die Gaben holder Musen; Ihm, der schon auf meinem Altar Süße Erstlinge geopfert, Soll der steile Pfad des Ruhmes, Als ein Blumenweg erscheinen, Wo er lächelnd Freuden pflücket; Und am Ziele soll der Lorbeer, Aus der Musen heilgen Händen Ihm die heitre Stirne krönen.“