German poem
Die Jungfrau des Schlosses
by Amalie von Imhoff (1776–1831)
Romanze.
Vor grauen Jahrhunderten stand Auf Tannenumgürteten Höhen (Noch sind ihre Mauern zu sehen) Eine Burg im sächsischen Land. Dort hauste Graf Erich, ein Mann Von grausamen Sitten, es wehte Gar oft schon in blutiger Fehde Sein drohendes Banner voran.
Jetzt hatt’ ihn das Alter erreicht, Schon glänzten, vom Reife der Jahre Bedecket, die bräunlichen Haare Des Ritters zu Silber gebleicht. Doch blieb er stets trotzig und wild, Ein harter Gebieter, es bebten Vor ihm seine Diener und lebten Mit furchtsamen Grauen erfüllt, Nur Jutta erzitterte nie, Wenn rauh sie der Vater bedräute, Nie zittert die Unschuld, auch scheute Der Nimmerbezähmte nur sie; Oft hielt sie mit bittendem Blick Das Schwerdt das der wüthende schwenkte Die Diener zu würgen und senkte Es sanft in die Scheide zurück.
Kaum sah sie zum funfzehnten mal Die Wipfel der Tannen beschneiet, Und wieder ergrünt und erneuet Die schwankenden Erlen im Thal, Doch pflegte mit holder Geduld Des mürrischen Vaters sie stille, Ihr höchstes Gesetz war sein Wille, Ihr einziger Wunsch seine Huld.
Einst da sie dem Vater beim Strahl Des Morgens, in dämmernder Frühe Mit liebend geschäftiger Mühe Gefüllt den gewohnten Pokal, Da lockt der erwachende Chor Des Hayns, die erröthende Bläue Des heiteren Himmels die Scheue Zum niedrigen Pförtchen am Thor.
Sie athmet in trunkener Lust, Des Morgens balsamische Düfte, Sanft heben ihr schmeichelnde Lüfte Die Locken von Stirne und Brust. Und wie sie noch weilet, erschrickt Sie sanft, als in nahen Gesträuchen, Die schützend sich über ihn beugen, Ihr Aug einen Jüngling erblickt.
Still schmiegt sich ein schmeichlender Hund Dem ruhenden Jäger im Schoose, Ihm lieget zur Seit’ in dem Moose Die Armbrust auf thauigtem Grund. Sie bleibt mit gefesseltem Blick Mit zweifelnden Tritten noch stehen, Schnell heißt sie die Schüchternheit gehen Und fest hält sie Neugier zurück.
Sie nahet dem Jüngling und spricht: „So früh schon Herr Ritter vergnüget Die Jagd Euch? – denn sicher, es trüget Dies stattliche Ansehn mich nicht; Wohl habt ihr als Gast schon, geehrt, Im hohen gewölbeten Saale Des Vaters, beim festlichen Mahle, Die glänzenden Becher geleert.
Nur mir seyd Ihr noch nicht bekannt; Es hält aus der fröhlichen Mitte Der Männer die strengere Sitte Uns schüchterne Frauen verbannt; Doch nehmt diesen Frühtrunk, fürwahr Ihr habt der Erquickung vonnöthen!“ – Hier beut sie mit keuschem Erröthen Den schwankenden Becher ihm dar.
Und ach mit dem Weine durchdringt Der Liebe verzehrendes Feuer Den Jüngling; wie zahlt er so theuer Ein Labsal das Mitleid ihm bringt! – O Mädchen! – du wähnst, es sey Wein Der labend den Müden getränket? Ruft feurig der Jüngling, ihm senket In Busen sich glühende Pein.
Ich schlürft aus dem Becher nur Schmerz, Der dumpf mir die Sinne umwindet, Gekühlt ist der Gaum; doch entzündet Mit ewiger Flamme mein Herz! – Doch weh mir! – es zürnet dein Blick Du fliehest? – O Jungfrau verzeihe, Schon folgt dem Vergehen die Reue, Doch nehm’ ich es nimmer zurück. Mein Nam’ ist von Wart, und es lag In Schwaben die Burg meiner Väter Doch ach! es befleckt’ ein Verräther Den rühmlichen Namen mit Schmach; Er ist der Verfolgungen Ziel, Seit ehrlos ihn Rudolph getragen, Und Albert der Kaiser, erschlagen Durch bübischen Meuchelmord, fiel.
Auch uns traf die Rache; wir flohn. Es birgt in der dichtesten Mitte Des Waldes die niedere Hütte Seit Monden die Irrenden schon. Dort tönet so einsam und bang Des Vaters verzehrende Klage, Indeß ich die Forsten durchjage Dem dämmernden Morgen entlang.
Wohl fühl’ ich’s, daß arm und verbannt, Geächtet, ein Flüchtling ich schleiche, Schon eil’ ich von hinnen, doch reiche Verzeihend mir liebreich die Hand. Nie soll mehr dein zürnender Blick O Schönste, dem Allzuverwegnen Auf schattiger Höhe begegnen, Doch denke an ihn noch zurück.
Und Blässe des Todes umschwebt Jetzt plötzlich des Scheidenden Wange, Indeß noch mit schmerzlichem Drange Der Busen des Mädchens sich hebt. Sie ist sich nichts weiter bewußt, Besiegt von dem mächtigsten Triebe, Umfangen vom Zauber der Liebe, Sinkt glühend sie ihm an die Brust.
Er ist der Verbannte nicht mehr; Von zärtlichen Armen umstricket, Am Busen der Liebe, erblicket Verwandelt er rings um sich her Zur freundlichen Heimath die Flur, Wo jüngst er ein Fremdling sich glaubte, Es giebt, was das Schicksal ihm raubte, Jetzt schöner ihm Lieb’ und Natur.
Und jeglicher Morgen erneut Mit süßem Geheimniß die Wonne Der Liebenden, eh noch die Sonne Die hüllenden Nebel zerstreut, Eh zitternd am dunkleren Blau Der Schimmer der Sterne verglimmet, Und zweiflendes Dämmerlicht schwimmet, Rings über der schlummernden Au.
Es hört nicht der Stürme Geheul, Es fühlt nicht den stürzenden Regen Der Jüngling, den Fluthen entgegen Erglimmet mit liebender Eil’ Er Sommer und Winter die Höh’ Und bahnt auf der fährlichen Reise Sich Pfade auf trüglichem Eise Und Wege durch bahnlosen Schnee.
Stets harret die Liebende sein, Sie läßt ihn mit holdem Erbarmen Am klopfenden Busen erwarmen, Sie reicht ihm den purpurnen Wein. Im Schutze des nämlichen Baum’s Wo beide zuerst sich gefunden Verträumen sie seelig die Stunden Des kurzen beglückenden Traums.
Doch einst da zur Pforte sie schleicht, Naht plötzlich gerüstet zum Jagen Der Vater, es sieht ihn mit Zagen Die Tochter, sie wankt und erbleicht. Streng fragt er: „Wie trägst du den Wein Zur Pforte?“ – „Er war einem Müden“ Entgegnet sie stammelnd „beschieden Vom Söller gewahrte ich sein.“ Schnell öfnet er zweiflend das Thor, Da eilt’ von den nahenden Tritten Getäuscht, mit geflügelten Schritten Der harrende Jüngling hervor. Und stolz ruft Graf Erich ihn an: „Wer bist du, um frevlend zu wagen, Dies fremde Geheg zu durchjagen Wer zeigte dem Knaben die Bahn?“
Doch als sich mit zürnendem Muth Der trotzige Ritter genennet, (Unselige Kekheit) entbrennet Gewaltig des Grausamen Wuth. Wie, schnaubt er, entfloh dieser Brut Noch einer der himmlischen Rache? So führe mein Schwerd ihre Sache, Ihr fließe zum Opfer dein Blut.
Ha! rufet von Unwill entglüht Der andre: „die fremden Verbrechen Am schuldlosen Flüchtling zu rächen Bist grausam du jetzt noch bemüht?“ – So spricht er, indeß er mit Fleiß Die stürmenden Streiche noch wehret, Sanft schont er des Wütrich’s und ehret In ihm noch den Vater und Greis.
Und plötzlich mit flehendem Blick Stürzt Jutta sich zwischen die Streiter Bang faßt sie den Vater, – „Nicht weiter! – O haltet die Streiche zurück. Vergönnt mir, daß, eh noch der Stahl In schuldlosem Blute sich färbe, Durch ihn die Verbrecherin sterbe! – Der Jüngling – Er ist mein Gemahl!“
Und schäumend und schrecklicher schwingt Der Alte sein Schwerdt; das Erbarmen Entflieht, da mit bebenden Armen Die Tochter den Jüngling umschlingt – Doch ach! den Geliebten beschützt Vergebens mit männlichem Muthe Die Treue, sie sinket vom Blute Des sterbenden Jünglings besprützt.
Und als sie zum Leben erwacht, (Schon trug man den Gatten von hinnen) Da hüllt die zerrütteten Sinnen Der Wahnsinn in tröstende Nacht. Sie wandelt im wachenden Traum Noch täglich bei dämmernder Helle Hinaus zu der blutigen Stelle Und ruht an dem schützenden Baum.
Stets bringt den Pokal sie hierher, Und harret des Wiedersehns Stunde, Dann flüstert mit lächelndem Munde Die Arme: „Er durstet nicht mehr!“ – Starr blickt sie ins grünende Moos Mit zögernden Händen, vergießet Den Wein zur Erde, da fließet Die lindernde Zähr’ in den Schooß.
Und nimmer mit stärkender Macht Erquickt sie der tröstende Schlummer, Wild scheuchet der rastlose Kummer Den holden Gefährten der Nacht. Sie wendet das bleiche Gesicht Wenn Mitleid die Nahrung ihr bietet, Und stirbt wie von Stürmen umwüthet Die glänzende Lilie bricht.
Noch schweifet ihr Geist in dem Schein Der Dämmrung, man sieht unter Ranken Des düsternden Epheus sie wanken Am grauen bemoosten Gestein. Wild flattert ihr weißes Gewand Beim ersten verkündenden Strahle Des Morgens, sie wird in dem Thale Die Jungfrau des Schlosses genannt. Sie ruht auf versunkenem Maal, Wenn scheidend die Sterne erblassen, Die geistigen Hände umfassen Noch immer den goldnen Pokal, Und hat den gefürchteten Hayn Der irrende Jäger erreichet, Entschwebt sie den Mauern und reichet Dem Starren erquickenden Wein.