Versos German Anton Ohorn Schlaflose Nacht

German poem

Schlaflose Nacht

by (1846–1924)

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Schlaflose Nacht! Kennst du sie nicht? – Es losch des müden Tages Licht, Die Nacht sinkt still und friedlich nieder, Und schwer sind deine Augenlider; Da ruhst du auf dem weichen Pfühl. – Verstummt der Straßen laut’ Gewühl! Du hörst den Pendelschlag der Uhr, Des eignen Herzens Pochen nur, Vor deinem Fenster in den Bäumen Rauscht es so leise – du willst träumen.

Doch weshalb kommt der Schlummer nicht? Stört dich vielleicht das blasse Licht Des Monds mit seinem matten Schimmer? – Horch, eine Fliege summt durchs Zimmer; Der unruhvolle, kleine Gast, Er raubt dir die ersehnte Rast … Du ärgerst dich – die Kissen drücken, Du mußt sie dir bequemer rücken – Doch nun, aufs neu’ die Augen zu – Rastlose Seele, halte Ruh!

Unklar verdämmern die Gedanken, Und blasse Traumesbilder schwanken Auf leisem Fittig schon herbei – – Da tönt verhallend, fern ein Schrei. War das im Traum, in Wirklichkeit? Was soll der Schrei um diese Zeit? Sucht sich ein Vogel noch sein Brot? War es ein Mensch in Todesnoth? Du fährst empor, du lauschest still, Ob sich nichts weiter regen will – Doch stumm bleibt alles wie zuvor, Und wieder legst du dich aufs Ohr.

Doch mit dem Schlafen ist’s vorbei. Du hörst noch immer jenen Schrei, Phantastisch spinnst du fort daran, Und was Du sinnst, wird zum Roman. Es fällt dir bei aus Jugendtagen, Wie einen Wand’rer man erschlagen Bei stiller Nacht im grünen Tann – – So schrie wohl der unsel’ge Mann! Und wenn du in die Jugendzeit Dich erst verirrt, so frei und weit, Dann will an dir vorüberschweben Dein ganzes Leben.

Gestalten kommen auf Gestalten, Du wehrst umsonst – sie müssen walten, Die stille Nacht ist ja die Frist, Da Geistern Macht gegeben ist! Was dir an Lust und Leid beschieden Seit Jahren war, stört dir den Frieden. Lebendig wird, was längst verblich, Verschlossne Grüfte öffnen sich, Und groß erscheint die kleinste Schuld …

Da springst du auf in Ungeduld, Dir ist so heiß – die Stirne brennt – Die Fenster auf! – Am Firmament Stehn mit dem lieben Licht die Sterne, Die Erde schläft, nur aus der Ferne Hallt leis der Schritt des Wächters wider – Du legst aufs neu’ zum Pfühl dich nieder.

Du denkst an das wogende Aehrenfeld, An des Meeres Welle, die steigt und fällt, An alles, was dich beruhigen kann, Umsonst, dein Schlaf kommt nicht heran. Die Uhren scheinen still zu stehn, Gleich abgelebten Greisen gehn Die Stunden müden Ganges hin, Und einen Wunsch nur hegt dein Sinn: O, daß doch bald der Morgen käme Und diese Nacht ein Ende nähme! …

Jetzt naht des Tages Dämmerschein, Frühroth erglänzt in das Zimmer herein, Da weichen leise die Schatten der Nacht, Die Geister schwinden still und sacht, Und auf die müden Augenlider Senkt sich ein sanfter Schlummer nieder …

Und du erwachst – schon ist es Tag, Beruhigt ist des Herzens Schlag, Das Leben zeigt dir neue Huld – Wo bleibt, die dich gequält, die Schuld? Dein Zimmer ist wieder voll Sonnenlicht … Schlaflose Nacht! Kennst du sie nicht? Anton Ahorn.