Versos German Anton Ohorn O forsche nicht!

German poem

O forsche nicht!

by (1846–1924)

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Ein kleiner Friedhof! An der Mauer Stand Kreuz und Denkmal groß und klein, Dazwischen auch ein altersgrauer, Bemooster, helmgezierter Stein. Mit Forscherlust begann zu schaben Das Moos vom grauen Stein ich fort, Und als ich lange schon gegraben, Las endlich ich das ernste Wort. „O forsche nicht!“

Da hielt ich tieferschrocken inne, Ein Frevel schien mir, was ich that; Wehmütig ward es mir zu Sinne; Der unbekannte Todte bat: „O lasse ruhn mich müden Recken, Den lange schon der Tod besiegt, Und wolle nicht aus Neugier wecken, Was mit mir hier begraben liegt – O forsche nicht!

Was kann’s Dir Nachgebornem frommen, Wenn Dir mein Grabesstein verrieth, Wann ich in diese Welt gekommen Und wann ich wieder von ihr schied? Ob ich für Ehr’ und Pflicht gestritten, Ob Treu’ und Eid ich brach entzwei, Ob Unrecht ich gethan, gelitten – Was kümmert’s Dich – es ist vorbei. O forsche nicht!“

Seither vergingen Jahr’ und Stunden, Ohn’ daß ich ihn vergessen kann, Den stillen Ort, den ich gefunden In Böhmen einst im grünen Tann. Und treff’ ich auf ein Menschenwesen, Dem schwere Zeit grub Runen ein, Denk’ ich des Worts, das ich gelesen Auf jenem übermoosten Stein: „O forsche nicht!“