German poem
Des Sängers Werbung
by Anton Ohorn (1846–1924)
Um die bunten Scheiben webet Mailicht, dämmernd süß und bang, Durch die Kemenate bebet Lautenschlag und Minnesang. Und die Maid mit holdem Zagen Blickt zum Sänger still empor, Wonnig wie aus alten Sagen Tönt sein Lied ihr an das Ohr:
„Meines Schlosses lichte Wände Spiegeln freundlich sich im Rhein Und aus grünem Rebgelände Schaut es weit in’s Land hinein. Diener hab’ ich und Vasallen, In den Truhen edles Erz, Säulenstolze, hohe Hallen Und ein krankes, wundes Herz.
Aus den Ahnenbildern schauen Ihres Stammes letzten Mann Bange Augen schöner Frauen Vorwurfsvoll und fragend an; Daß ich nicht mehr einsam weile Bei des Lenzes Hochzeitslust, So erhör’ mein Flehen, heile Meine sehnsuchtskranke Brust!“
Mit dem letzten Ton der Laute Schweigt des blonden Knaben Mund; Enger schmiegt sich an die Traute Kosend der getreue Hund; Nach dem schönen Sänger wendet Innig sie das Aug’ empor, Und ein ganzer Himmel sendet Seine Strahlen draus hervor.
„Nicht dein Schloß am grünen Rheine Lockt mich, nicht dein edles Erz, Nicht Gelände, reich an Weine, Mich erbarmt dein wundes Herz. Küssen will ich manche Stunde Deinen Liedermund so warm, Daß dein krankes Herz gesunde In der Liebe weichem Arm.“