German poem
Das letzte Lächeln
by Anton Ohorn (1846–1924)
Den bleichen Engel sah ich schweben, Mein Kind, um deine Lagerstatt; Noch rangst du um dein kleines Leben, Dein Geist jedoch war irr und matt.
Du sah’st nicht, wie mit heißen Thränen Die Mutter Kuß dir gab um Kuß, Nicht, wie in Angst und Hoffnungswähnen Ich stand an deines Bettchens Fuß.
Die Brust von Lieb’ und Weh durchdrungen, Rief ich den theuern Namen laut – Da hast du dich emporgerungen Und hast noch einmal aufgeschaut.
Du hast mein Antlitz nicht gesehen; Dein Auge folgte nur dem Schall, Doch schien’s dich freundlich zu umwehen Wie süßer Tage Widerhall.
Hast du im wirren Traum empfunden, Daß dir dieselbe Stimme klang, Die einst in glücklich schönen Stunden Dir traute Kinderlieder sang ? –
Ein letztes müdes Lächeln dankte – Auf grauer Flur ein Sonnenblick! – Das kleine, blasse Antlitz schwankte In’s weiße Bettchen dann zurück.
Die großen, irren Augen sanken Zum trüben Schlummer wieder ein – Ich aber will dir ewig danken Für diesen letzten Sonnenschein.
Der Engel Spielgenoß zu werden, Gingst du hinauf in’s ew’ge Licht, Doch ich vergesse hier auf Erden Dein letztes, liebes Lächeln nicht.