German poem
Abschied
by Anton Ohorn (1846–1924)
Die Bäume entlaubt des Herbstes Kuß; Kühl weht sein Odem über den Fluß; Da gleitet bei trüber Morgengluth Ein Nachen durch die stille Fluth.
Ein Mägdlein sieht aus verfall’nem Haus, Die Letzte des alten Stammes, hinaus In fremde Fernen, Gott weiß wie weit, Die treue Zofe als einzig Geleit.
Am andern Ufer legt der Kahn Zwischen flüsterndem Schilf und Röhricht an; Hier wendet die blonde Maid den Blick Noch einmal zum Hause der Väter zurück.
Dort drüben liegt’s so still und müd; Der Morgenschein an den Mauern glüht Und über die grauen Thürme hin Nach Süden schweigende Vögel ziehn.
„Du Stätte, wo meine Wiege stand, Wo ich der Jugend Freuden fand, Wo meiner Ahnen Asche ruht. Leb’ wohl und bleibe in Gottes Hut!
Ihr Wandervögel, gegrüßt seid mir! Ich hab’ keine Heimath, gleich wie ihr; Auf den Himmel, der euch das Nest wird baun, Muß auch das Waisenkind vertraun.“
Da faßt die Gefährtin ihre Hand: „Ihr geht nicht allein ins fremde Land; Es schlägt für Euch in Lust und Schmerz Getreu bis zum Tode mein armes Herz.“
Die Jungfrau zieht in Wehmuth und Lust Das Haupt der Genossin an ihre Brust, Aus ihrer Wimper quillt’s heiß hervor … Die Wellen murmeln, es rauscht das Rohr.
Anton Ohorn.