German poem
Der Wunsch
by August Friedrich Langbein (1757–1835)
Der Wunsch.Legende. Ein Neidhart und ein Geitziger gesellten Lustwandelnd einst zum heil’gen Martin sich, Und fingen an, um selbst für brav zu gelten, Die ganze Welt zu mäkeln und zu schelten.
Der Bischof schwieg bey ihrer Zungen Stich. Sie sprachen nun auch viel zu ihrem Eigenlobe, Und jeder rief: Ich bin ein Biedermann! Der Heil’ge kannte sie, und sann Auf eine scharfe Herzensprobe.
Er sprach: „Ihr Ehrenmänner habt, Als gute Christen, euch erkläret, Und dadurch wohl verdient, daß ihr nicht unbegabt Von mir zurück in eure Hütten kehret. Wohlan, euch sey ein Wunsch gewähret! – Doch Einem nur ist frey gestellt, Was ihn gelüstet, zu verlangen. Wer dieses Wunsches sich enthält, Bleibt dennoch auch nicht übergangen. Er soll das Glück, worauf die Wahl des Andern fällt, Sogar im Doppelmaaß empfangen“.
Kampfrüstig hoben Geitz und Neid Ihr Schlangenhaupt sogleich in beider Männer Herzen, Und ihrer Bisse Folterschmerzen Entflammten einen langen Streit. Der Neidhart wollte nicht zum Wunsch die Lippen regen, Denn der Gedanke war für ihn schon Höllenpein, Durch einen reichern Wundersegen Den Sohn des Geitzes zu erfreun; Und dieser ließ so wenig, als ein Stein, Zu einem Ausspruch sich bewegen, Um nicht des Doppelglücks dadurch beraubt zu seyn.
So tief verstrickt in den Gewinden Des Labyrinths der Selbstsucht, schien Des Neidischen Verstand zuletzt vor Wuth zu schwinden, Und Wahnsinn bey ihm einzuziehn. Er schrie: „Du, Knauser, sollst durch mich nicht Schätze finden! Denn horch, es ist mein Wunsch: Im Nu Auf Einem Auge zu erblinden“. – Urplötzlich fiel sein rechtes Auge zu, Und lächelnd sah er mit dem Linken In voller Blindheit Nacht den Geitzigen versinken. Langbein.