German poem
Liederproben aus Ernst Ziel's „Gedichten“
by Ernst Ziel (1841–1921)
Leise rauschend durch Ruinen zieht der Abendwind, Flüstert alte, düstre Mären, die vergessen sind.
Von den Bäumen, herbstestraurig, sinkt nun Blatt auf Blatt, Sucht in der Ruine Schweigen eine Grabesstatt.
Fallen wird auch sie, die trotzig manch’ Jahrhundert stand; Ziehen werden, wo sie ragte, Nebel über’s Land.
„Märchenhaft ist dieses Leben,“ seufzt der Abendwind; In der heißen Brust erglommen mir zwei Wünsche sind:
Meinem Leben eine Seele, die sich meiner eint, Meinem Grabe eine Thräne, die die Liebe weint!
Im Seegras, fluthenbefeuchtet, Der Bernstein schimmert und scheint, Eine Thräne, die, schmerzdurchleuchtet, Die ferne Vorzeit geweint.
Vor Zeiten auf einsamem Thule Am wogenumbrandeten Strand – Da wuchs auf dem Klippenstuhle Eine Föhre im Küstensand.
Die Wellen rauschten ihr Lieder Vom Süden so schön und so hehr – Da neigte die Zweige sie nieder Und weinte die Thräne in’s Meer.
Das Meer trug durch die Sunde Geronnen die leuchtende hin – Nun freut sich am köstlichen Funde Nach tausend Jahren mein Sinn.
Verschollen im Fluthengeschwemme Die Thräne der Vorzeit war – Heut trägt sie als glitzernde Gemme Mein Mädchen im schwarzbraunen Haar.