Versos German Friederike Kempner Der Invalide

German poem

Der Invalide

by (1828–1904)

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Ein alter Mann mit grauen Haaren, Tiefbraun von Hand und Angesicht, Aus dem, so stark die Glieder waren, Hohnfrei ein stilles Lächeln spricht.

Mit blauen Augen, sanft, voll Leben, Wie mancher friedlich deutsche Strom, Und wie die Heil'gen sie erheben Im stolzen Vatikan zu Rom.

Es spielt auf off'nem Markt die Leier, Der arme, alte Invalid', Von trüber Zeit, von alter, neuer, Singt er dazu ein hübsches Lied:

»Oed' und verlassen Nah' ich dem Grab, Spielet ihr Lüfte, Sanft mich hinab!

»Viel hab' ich gelitten, Gekämpft und gestrebt, Für Deutschland gestritten, Für Deutschland gelebt.

»Und eifrig that lieben Ich Menschen und Gott, Die Menschen, sie blieben Mir fern in der Noth!

»Oed' und verlassen Nah' ich dem Grab, Spielet ihr Lüfte, Sanft mich hinab!—«

Viel' Leute gehn an ihm vorüber, Die meisten sehen gar nicht auf, Sein sanfter Blick wird trüb und trüber, Doch spielt er immer wacker auf.

Der Abend naht, die Sonne sinket, Der Alte packt die Leier ein, Im Auge eine Thräne blinket, Er seufzt: »man soll zufrieden sein.

»Ich dachte heute nicht zu fasten, Und hofft' auf frisches Lagerstroh! Komm', alter, lieber Leierkasten, Man denkt, doch geht's nicht immer so!

»Es waren freilich kühne Pläne, Doch niemand hat mich angeschaut, Man zahlt nun nicht mehr solche Töne: Was fang' ich an in meiner Noth?

»Und,« spricht er stockend und verlegen, »Ich weiß nicht, red' ich Jemand an? Es ist an mir nicht viel gelegen, Doch ganz man nicht verhungern kann!

»Herr,« fleht er endlich einen Reichen, »Sie borgen wohl acht Pfenn'ge mir?« »Mein Freund, man borgt nicht eures Gleichen, Und Bettlern geben selten wir.«—

»Als Bettler ward ich nicht geboren, Ein Bettler wird man erst alsdann— Lehrt sanft der Greis den tauben Ohren, Wenn man sich nicht mehr helfen kann!«

Ein Knabe zieht die Straß' herunter, Mit Rosenbüscheln zum Verkauf, Der kleine Proletarier, munter, Horcht bei des Alten Stimme auf.

»Herr«, spricht der Knabe sehr verlegen, »Ich hab' den Greis zwar nie gekannt, Doch, wenn sie einen Argwohn hegen, So bleib' ich Ihnen gern zum Pfand!—

»Der arme Mann«, fleht er mit Beben, »Er spielt den ganzen Tag schon hier, Und kann die Arme kaum mehr heben. Etwas verdient er schon dafür!

»Erbarmen Sie sich seines Lebens, Er bringt das Geld schon morgen her,«— So fleht der Knabe, ach vergebens, Der harte Reiche hört nichts mehr.

»Hört«, spricht zum Invalid der Knabe, »Ich bind' ein Sträußchen für euch los, 's Ist freilich eine kleine Gabe, Doch dies allein besitz ich bloß!«

Es wankt der Greis in seine Wohnung, Wirft matt sich auf das faule Stroh, »Ach«,—seufzt er bitter—»ohne Schonung Behandelt man den Armen so?«

Die Nacht ging langsam ihm vorüber, Es auf dem kalten Boden graut, Da leuchtet wunderbar herüber Ein herrlich lichtes Morgenroth.

Die Leier lag zu seinen Füßen, Und dicht das Sträußchen rosenroth, Der schöne Kopf auf grobem Kissen: Der brave Invalid war todt.—

Holdes Blümlein, Du willst nützen? Auf der weiten grünen Au? Sieh', die Sonne scheint so golden, Und der Himmel, er ist blau!

Hohe Pläne, kühne Pläne Werden Dir das Blut erhitzen, Holdes Blümlein, um Dich schau: Pläne werden meistens grau.

Röselein sich tiefer bückte: Was das kleine Herz entzückte, Kalter Zweifel will's ihm rauben! »An das Schöne will ich glauben« —Sprach es—»ob auch Blättlein sich entlauben!«— Und dem Röslein Alles glückte.

Auf und nieder steigt die Welle, Auf und nieder steigt die Nacht, Und der Sterne Glanz und Pracht Wechseln mit des Tages Helle.

Ew'ger Wechsel, Nacht und Helle, Grüne Matten, dunkler Schacht, Sprich, was siehst Du auf der Wacht? Steigend auf die festen Wälle?

Moder, aus den Grüften, Blumendüfte in den Lüften, Manchen Geist, ach, schwergeprüften.

Eine Welt, die Alles preist, Was da Glanz und Schimmer heißt, Und das Böse vorwärts reißt!—