German poem
Der Kontrast
by Friederike Kempner (1828–1904)
Im feinen weißen Spitzenkleide, Im braunen Haar Kamelienkranz, Steht heut Madam', 'ne Augenweide Macht Toilett' beim Kerzenglanz.
Vier Hände sind bemüht zu schmücken Ihr selig lächelnd Angesicht, Ihr Dies und Jenes recht zu rücken, Und auch die ihrigen ruhen nicht.
Sie geht zum Ball, und dreist ich sage, Die Frau ist reizend, wunderschön, Daß sie gefällt ist keine Frage, Das muß ihr selbst der Neid gesteh'n!
Wenn auch nicht eingehüllt in Flimmer, So spielt doch fast dieselbe Scen' Ihr Herr Gemahl im Nebenzimmer, Der freilich etwas minder schön.
Sehr fein ist seine Toilette, Reich glänzt der Ring an seiner Hand, Er putzt die goldene Lorgnette, Steckt seine Cigarre in Brand.
Er ist schon fertig, spricht mit Würde: »Der Wagen steht für uns bereit, Du bist sehr schön, genug der Zierde, Mein Kind, es ist die höchste Zeit!«
»Wie glücklich bin ich«, ruft sie leise, »Auch ich,« sagt lauter ihr Gemahl, »Es macht mich Deine Art und Weise Sehr stolz auf meine gute Wahl!«
»Komm«—spricht er, froh an Faro denkend,— »Dir Alles, Alles herrlich steht,«— Und seinen Kopf bedenklich senkend— »Wir kommen wahrlich heut zu spät!«
Nur noch das Halsband mit Demanten, Nur noch die Broche mit dem Opal, Das Taschentuch mit den Brabanten, Den Blüthenstrauß und dann den Shawl!
Zu End' ist nun die Toilette, In Wahrheit ein possierlich Bild, Solch Thorheitseifer um die Wette, Stets aus beschränktem Geiste quillt.
So jung, so schön, so voller Freuden, So voller Anmuth und so reich, Eilen hinunter nun die Beiden, An Eleganz sich selber gleich.
Die reichen Menschenkindchen träumen In dem Moment von Unglück nicht, Da sieh, sich scheu die Rosse bäumen Vor eines Mannes Angesicht.
Ein armer Mann, die Stirn voll Falten, Mit stierem Aug' und hohler Wang', Mit Lippen, dünnen, bleichen, kalten, Die schon vertrocknet schienen lang;
Stand an des heitern Hauses Schwelle, Verhungert und erstarret fast, Der Mond beschien an jener Stelle Das Elend unter seiner Last.
»Ich fleh'«—spricht er—»um ein Almosen,« Und küßt der schönen Frau die Hand, Sein schwacher Kuß drückte die Rosen, Die an des theuren Handschuhs Rand.
»Mein Freund«, sagt sie mit kalten Mienen, Erzürnt durch diese Frevelthat, »Ich habe keine Zeit zu Ihnen, Ob Robert etwa Kleingeld hat?«
Robert zieht nun den vollen Beutel, Wie herrlich glänzt darin das Gold, Doch all sein Suchen war nur eitel, Denn Wen'ges war's, was er gewollt.
»Halt, halt, gieb etwas jenem Armen,« Herrscht nun der Herr den Kutscher an, Des Letzteren Blick fällt voll Erbarmen Und Grauen auf den armen Mann.
Er greift hinein in seine Taschen, Zwei- und Viergroschen sind darin. Schnell sucht er beide zu erhaschen, Und wirft sie rasch dem Armen hin.
»Hier Bruder, sind sechs Groschenstücke, 's ist Alles, was ich geben kann« »Und«—sagt er sanft mit feuchtem Blicke— »Fragt manchmal dort im Giebel an!«
Jetzt rollte fort der rasche Wagen, Der Kutscher wischt ein Aug' sich ab: Er denkt an all die großen Fragen, Die solch' Kontrast zu lösen gab.