German poem
Der Polterabend
by Friederike Kempner (1828–1904)
Herab von seiner stolzen Feste Lehnt sich ein Rittersmann, Tief unten aus dem Felsengrunde Schwingt's lautlos sich hinan.
Schwarzbraune Locken auf dem Nacken, Rothsammtnes Prachtgewand, Den erznen Panzer um die Hüfte, Das Visir in der Hand,
So lehnt er an dem Erkerfenster Im hochzeitlichen Schmuck, Was stierst Du, Ritter, in die Tiefe Das Irrlicht zeigt nur Trug!
Ruht Laura nicht im stillen Grabe? Kein Schatten kehrt zurück, Vergiß die Schuld, zum Hochzeitsmahle Ruft bald Dein froh Geschick!
Ha, immer stiert er noch herunter, Den feur'gen Blick hinab, Das Irrlicht steht an jener Stelle, Wo sie den Tod sich gab.
Sein Grund ist leer, o weh, der Schrecken! Was singt dort am Gestein? Was schwingt sich hoch von Fels zu Felsen Im weißen Heil'genschein?
»Noch grauet nicht Dein Hochzeitsmorgen, Noch schaust Du nicht Dein Glück, O, harter Ritter, schau' lieb' Laura, Ihr Schatten kehrt zurück!«—
Den stolzen Mann erfaßt ein Grausen, Als er das Lied gehört, Von Geisterarmen fortgerissen Er in den Abgrund fährt.
Horch, da ein namenloses Poltern Im felsigten Gestein, Als wenn auf einmal tausend Donner In's Burgthor schlügen ein.
Drum soll am Abend vor der Hochzeit Ein Polterabend sein Denn, heißt es, wo viel Licht und Freude Wagt sich kein Geist hinein.