Versos German Friederike Kempner Der Scheintodte

German poem

Der Scheintodte

by (1828–1904)

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Und er schlief und schlief so lange, Daß ihn keine Macht mehr weckte— Unsichtbar beim Grabgesange Sich der Todtgeglaubte streckte.

In die Wolken möcht' ich fliegen, In die Sonne möcht' ich sehen! Jedes Vorurtheil besiegen Und als Sieger vor euch stehen.

Die Fenster sind gefroren, Wie eis'ge Blümlein, schau: Das sind die falschen Menschen, Auf menschlich schöner Au!

Wie niedrig lächelt die Dirne, Wie spiegelt sich drin ihr Herz, Kein Lächeln ist's der Gestirne, Nur Glanz von gemeinem Erz.—

Und der Himmel lacht mir wieder, Und die Sonne scheinet hell, Und es tauchen auf die Lieder Wie ein unversiegter Quell.

An der Tugend nur genippet, Und die Bosheit ausgetrunken,— Also sind die armen Menschen In ihr liebes »Ich« versunken.

Lauter Zank, 's ist eine Zeit des Leidens, Alles freilich, es hat seine Zeit— Zeit des Zankens—Hetzenzeit—des Meidens: »Bet' und zanke« heißt's in neuester Zeit!

Auf der Höhe stehen Bäume Große Menschen haben Träume, Träume, die im Himmel schweben, Die nicht an der Scholle kleben.

Ist's der Dichtung Loos Traurig sein? Schmerzen klein und groß Ziehn ins Herz hinein.

Schmerzen, klein und groß, Ziehet endlich aus, Nicht der Dichtung Loos Ziemet Weh und Graus.

Unnütz lyrisches Gesinge, Unnütz lyrisches Geklinge Gehst Du mir nicht aus dem Sinn, Schreib' ich auf's Papier Dich hin.