Versos German Friederike Kempner Jetzt

German poem

Jetzt

by (1828–1904)

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Grüßt mich mein Mutterlieb? Ist ihr nicht bang? Ach, schon so lang Ist's, daß sie fortblieb:

Dort in der Ferne Kreisen die Sterne, Sphärische Lieder, Rauschend Gefieder,

Dorten ihr Bild, Sehn wir uns wieder, Tönen die Lieder, Mutterlieb, mild!

Wo sich Epheu schlingt, Eine Hand mir winkt, In der Mutter Gruft Eine Stimme ruft: Dich hab' ich geliebt!—

Weine nicht, mein Kind, Unsterblich wir sind, Seh'n uns wieder einst, Unwürdig Du weinst, Gott uns wieder giebt!

Meiner Mutter lichtes Bild, Meiner Mutter sanft Gesicht Meiner Mutter braune Augen, Alles dieses seh' ich nicht.

Aber tief im Busen lebt, All der unversehrte Glanz, Ihres Wesens Schönheit schwebt Ueber mir im Himmel ganz!

Zwei Blümlein blühen am Aronstab, Ach, Beide überdauern das Grab; Das weiße liebliche Blümelein, Das schenkte mir mein Mütterlein.

Mein Mütterlein, so hold und rein, Wie dieses lichte Blümelein: Ihr Blümlein überdauert das Grab, Im Jenseits grünet der Aronstab!

Eine Blüthe seh' ich prangen, Eine Blüthe rosenroth, Hält mein ganzes Herz gefangen, Ach, mein Herz—ich glaubt' es todt.

Ach, meine Mutter, fänd' ich Dich wieder— Ach, in der Welten unendlichem Raum, So würd' ich Dich suchen mit allen Kräften, Wie jetzt ich Dich suche im Wachen und Traum.