Versos German Friedrich de la Motte Fouqué Burg Volmarstein

German poem

Burg Volmarstein

by (1777–1843)

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Ich will Euch eine deutsche Mähr’ verkünden, Des freundlichen und ernsten Sinnes voll. Es steigt in der westphäl’schen Grafschaft Mark Von kühner Höh’ ein Burggetrümmer auf, Drin gern des sinn’gen Wandrers Tritt verweilt. Sie heißen’s Volmarstein, Den Grafen nach, die einstens dort gehaus’t. Nun stehn die Thürme leer, durch ihre Fenster Glüht Abendroth und wandelt Zugluft frei, Wenn nicht ein wucherndes Gesträuch Die üpp’gen Gitter drüber hin verzweigt. Hoch rauscht das Gras im Schloßhof, Die Mauern nickten ein, und ihre Steine Sehn gräbergleich aus den Gebüschen vor. Im Thal derweile rauschet fort und fort Der Strom dahin, mit unverstand’nen Lauten Erzählend noch von mancher alten That, Und hohe Buchen flüstern mit darein. Wir Deutsche rasten gern auf solchen Trümmern, Drum thut sich vor dem Bild des Volmarstein’s Das Herz mir auf, Und zweifl’ ich, liebe Landsgenossen nicht, Manch’ edlem Herzen noch geht’s eben so.

Wer hat in seiner stolzen Ritterpracht Den großen Grafen Volmarstein gesehn, Wenn er zum Waidwerk ritt von seiner Burg? Zwölf weiße Rosse, Hörner goldhell klingend, Und sieben Koppeln grauer, flücht’ger Doggen, Die Jäger silberblank an Wehr und Kleid. Wer sah ihn, wenn er auszog in die Schlacht? Gold seine Rüstung, hundert Lanzen starrend Um des gewalt’gen Herrn gekrönten Helm. Und wie sein Schlachthorn rief, Stand’s rings aus reichen Dörfern wimmelnd auf, Aus Städten auch, ein kräft’ges Mannenheer, Und tos’te übermächtig durch das Land, Bis Siegesfest scholl auf Burg Volmarstein. Dann ging ein süßes Licht auf Beim Heldenmahl: Des Grafen einzig Kind, Fräulein Ludmille, Noch überglänzend all’ des Vaters Glanz, Und doch demüthig, wie ein Reis am Thalstrom. Glücklicher Graf, Hüt’ dich! Das Glück schwingt überhoch den Fittig, Und droben weilt es nicht. Schon grollt der Kaiser Ob mancher allzukecken Ritterthat; Schon lauert grimmig manches Neidhard’s Blick. Graf, hüte Dich! Hüte Burg Volkmarstein!

Im grünen, sonndurchblickten Bergforst Hebt sich ein freudigliches Ballspiel an; Fräulein Ludmilla ist’s mit ihren Jungfraun, So hold und frisch, wie schönre Waldesblumen, Und durch die Zweige weht ein mildrer Lufthauch, Und heller singen Frühlingsvögel drein. Von jener Seite steht an Baches Rand Ein’ Mädchenreih’ auf schatt’gem Erlenhügel, Von dieser auch auf schroffem Buchenfels, Und hin und her, In mannigfach verschlung’nem Flug und Maaß, Schwingen sich golddurchwirkte, bunte Bälle. Da aus Ludmillens zarter Hand Fliegt einer hoch empor in blaue Luft, Zu hoch, denn streifend an das Buchengrün, Fehlt er die Bahn, stürzt in des Baches Flut. „Oh Schad’, o Schade!“ seufzt das Fräulein auf, „Er war der liebste mir von all’ den Bällen.“ – Kaum noch entflog dem ros’gen Mund das Wort, So fliegt ein Jüngling aus dem Busch hervor, Im grünen Pirschgewand, schlank, Hirsches schnell, Taucht in die rasche Woge, taucht empor, Und bringt, anklimmend auf den Buchenfelsen, Den schönen Ball der schönen Magd zurück. Die steht erröthend und erschreckt. Der Jüngling aber schaut aus hellen Augen Sie freundlich an, und spricht: „so nehmt doch hin! Ihr habt ja so verlangt nach Euerm Spielzeug, Daß mir es recht bis an die Seele gieng. Da ist es ja.“ – Sie nimmt und dankt. Er aber sagt: „nach Wölfen zog ich aus, Und fing ’nen Ball. Ei wunderliches Waidwerk!“ Und lacht recht herzlich; auch die Jungfrau lächelt. Wie sie ihm aber mehr in’s Antlitz schaut, Erkennt sie staunend Den hochgewalt’gen Freiherrn von der Reck, Den sie wohl sonst im Ritterprunk gesehn Beim festlichen Turnier. „Ach Himmel! – spricht sie, Wer hätt’ an Euch gedacht, als aus der Flut So leicht und lachend aufklomm dieser Waidmann, Ihr mächt’ger Ritterheld! Ihr ernster Kämpfer!“ „Das ist einmal die Art in unserm Stamm, – Lächelt zurück der Freiherr – Wir halten’s mit dem Leben leicht und froh. Doch freilich, wo es Ernst und Hoheit gilt, Und strenge Kraft, wird jeder deutsche Ritter Ein leuchtend Erz, mit seinem Harnisch eins.“ Da ruft ein Hüfthorn aus den Bergen her; Die Waidgenossen suchen nach dem Freiherrn. Er grüßt, und wendet sich zu seiner Burg, Das Fräulein sich zum hohen Volmarstein. Doch mit ihr wandelt Deß Weidmanns leuchtende Gestalt im Sinne, Das holde Frau’ngebild Im Sinn des Freiherrn lieblich funkelnd mit. Nicht er, nicht sie schaun rückwärts, Doch Jedes schaut das Andre licht und klar. Das sind Frau Minne’s blanke Wunderspiegel!

Als in die Burg eintrat der große Freiherr, Da stand vor ihm ein Mann im Wappenrock, Des heil’gen, röm’schen Reiches Adlerbild Auf seiner Brust. Er kannt’ ihn wohl den kaiserlichen Herold, Und flog die Trepp’ hinan, Um abzuthun das leichte Jagdgewand, Zu rüsten sich in volle Ritterpracht, Daß er den Boten nach Gebühr empfange. Schon saß er stahlblank in dem Saal, es trat Der Herold vor ihn, und begann die Kunde. Die schnitt verletzend ein in tapfre Brust, Denn gegen Volmarstein Acht, schwere Reichsacht Sprach aus der strenge Bote, Und lud es auf des Freiherrn gutes Schwerdt, Den Kampf zu führen auf den stolzen Grafen, Zu treiben ihn aus seiner Burg mit Heer’smacht, Und dann zu brechen dieß verfehmte Haus. Der Freiherr drängt zurück Ludmillens holdes Bildniß. Auf springt er, läßt vom Thurm das Heerhorn blasen, Sagt ab dem Grafen, Namens deutschen Reichs, Und bald in’s Feld rückt seine Mannenschaar.

Ein guter Hauptmann war Graf Volmarstein, Ein bess’rer war der Freiherr von der Reck, Vom Feld getrieben in zwei heißen Treffen Hat schon der junge Kriegesherr Den alten Degen in die starke Veste; Rings breitet die Belag’rung sich umher. Einstmals am Abend reitet Der Freiherr um den stolzen Bau, zu spähn, Wo er den Strum am besten mag beginnen. Da singen seine Reiter in dem Lager, Und ihm zu Ohren kommt dieß alte Lied: Schön Alda stand auf dem Schlosseswall, Ritter Roland zog an mit Waffenschall. Ritter Roland war der beste Held, Frau Alda’s Mannen die flohen durch’s Feld. Da sah Ritter Roland in die Höh’. – „Ritter Roland, wird dir krank und weh? Ritter Roland, traf dein Haupt ein Pfeil? Oder deine Brust ein geschwungen Beil?“ „Mich traf keine Waffe zu dieser Stund, Aber dennoch bin ich todeswund. Was mich getroffen, das rathet Ihr nicht. Es kam durch die Luft, wie Sonnenlicht; Schoß unter zwei schönen Bogen hervor, Drang aus einem himmelblauen Thor; Und soll ich jemals werden gesund, So ist mein Arzt ein Weibermund.“ Sie riethen es nicht, die Schlacht war aus, Herr Roland zog still und krank nach Haus. „Ich freilich rath’ es wohl!“ so sprach zu sich Der Freiherr von der Reck und seufzte tief, Denn von des Schlosses Zinnen Sah in das Thal Ludmille just herab, So goldig schön in Abends hellen Lichtern, Daß sie fast schöner war, als jüngst im Wald. Ein Weilchen schweigt der Freiherr, senkt das Haupt, – Dann sprengt er frisch sein Roß an, Und denkt: „Herr Roland ritt wohl krank nach Haus, Der Freiherr von der Reck thut, was sein Amt ist.“ – Hell freudig trabt er durch die Schaaren hin, Und ruft sie an mit heiterm Feldherrnwort, Verheißt auf Morgen Sturm, Und alle Mannen jubeln muthig auf, Schild klirrt an Schild, weithin ertönt Der Waffen lust’ger Gruß das Thal entklang. Was flattert von den Thürmen Des hohen Volmarsteins? Ei Gott, es ist ein Zeichen, unerhört, Man hätte meinen sollen, ewig fremd Auf dieser Mauern trotzigem Gebäu! Es ist die weiße Fahne, Die Unterhandlung heischt, Ergebung kündet. „Halt!“ ruft der Freiherr, und die erznen Schaaren, Von allen Seiten kühn herangerückt, Sie stehn. Zum Schlosse trabt des Reiches Hauptmann, Und auf dem Wallgang zeigt der Grafe sich, Hoch, bleich, auch noch in seinem Falle groß. „Was willst du mir, du tapfrer Volmarstein?“ – „Die weiße Fahne sagt’s. Spar’ mir das Wort.“ – „Den freien Abzug, Graf, vergönn’ ich Dir.“ – „Mit allem Gut? – Nein, das verwehrt das Reich.“ – „So hülflos treibst Du fort den Volmarstein?“ – „Mir blutet drob das Herz, Du alter Held! Hör an, was mir des Krieges Recht vergönnt: Zeuch aus mit all’ der Habe, Die du, samt deinem ganzen Hausgesind Fortragen kannst durch meiner Schaaren Reihe, Soweit sich die vom Thor der Veste dehnt.“ – „Und diese Burg?“ – „Spar’ du auch mir das Wort. Du weißt, was der Reichsfeinde Häuser trifft.“ – Da fallen große Thränen Dem Grafen in den Bart. „Es gilt!“ so spricht er dann. „Stell’ deine Schaaren, Daß wir beginnen unsern trüben Zug!“

Sie zogen allsamt aus dem Thorgewölb, Graf, Mannen, Frauen, Knappen, schwer belastet. Mit reichem Gut, Und lauernd standen in zwei erznen Reih’n Die Sieger da, ob irgend wem die Bürde Von seiner Schulter sänke, sie alsdann Zur wohlverdienten Beute zu empfahn. Wo aber sich das Lichtlein Des ganzen langen Zugs, Fräulein Ludmille, Sehn ließ, da blieben all’ die Augen starr, Und dachte Keiner mehr an Geld und Gut, Die süße Magd allein, allein beachtend. Die schreitet engelhold In’s Thal hinab, als trügen sie zwei Flügel, Und sei für sie der Erdball nichts, als Staub, Und all’ sein Gut ein thöricht Puppenspiel; Bis sie dahin kam, wo in Harnischpracht, Den Helmsturz auf, mit leuchtendem Gesicht, Der große Freiherr stand vor den Geschwadern. Vor seinen liebend hellen Flammenaugen Kehrt sie das holde Antlitz schaamroth ab – Da gleitet auf dem Bergpfad Ihr zarter Fuß. Sie sinkt – und gleich in seinen starken Arm Faßt sie der Freiherr von der Reck, und ruft: „Was fällt, ist mein!“ Staunend blickt nun und trüb’ der hohe Graf, Doch edler Werbung sitt’ge Worte breiten Bald einen Stral der Freud’ auf seine Stirn. Süßlächelnd steht die Jungfrau, Und ehrne Hand in ehrne Hand gefügt, Beschließen holden Bund die Herrn allzwei, Derweil die Botschaft durch die Schaaren fleugt Und die zwei langen Reih’n Mit lautem Ruf und freud’gem Waffenklirren Hochleben lassen Bräutigam und Braut. Wohl brach der wackre Schwiegersohn seitdem Burg Vormarstein nach deutschen Reichs Gebot, Daß noch die Trümmer zeugen Von seiner Kraft und strengen Rittersitte, Doch andre schön’re Burgen baut’ er auf, Und Heldenkinder lächelten den Gram Um die gebrochne Veste Von ihres großen Ahnherrn Brauen fort. Noch heutzutage prangt das edle Wappen Der Volmarsteins Im Wappenschild der Freiherrn von der Reck.

de la Motte Fouqué.