Versos German Friedrich Emil Rittershaus Zu Weihnachten 1869

German poem

Zu Weihnachten 1869

by (1834–1897)

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Die Glocken läuten. Das ist Weihnachtstag! Welch’ lauter Jubel in der Kinderstube! Was wohl das Christkind alles bringen mag? So geht ein Munkeln zwischen Maid und Bube. „Ich hab’ den weißen Schimmel selbst gehört, Wie seine Hufe an der Thüre scharrten!“ – „Mich hat der Schellen Klingeln aufgestört Jüngst aus dem Schlafe noch in später Nacht!“ So spricht die Jugend und sie scherzt und lacht Und kann die Weihnachtsfreude kaum erwarten.

Und endlich, endlich flammt’s im Tannengrün! Rings goldne Nüsse, bunte Blumen, Lichter, Die Kinderwänglein, die wie Rosen blühn, Und klare Augen, frohe Angesichter! O Gott, die Sorge eines ganzen Jahr’s, Des Alltags Plage und des Herzens Wunde, Eh’ wir’s geglaubt, verträumt, vergessen war’s Bei der geschmückten Fichte hellem Schein! – Ein Traum im Himmel, stilles Seligsein, Das ist der Segen dieser Feierstunde!

Das ist dein Segen, deutscher Weihnachtsbaum, Dein Licht erglänzt, wo deutsche Brüder wohnen, Im tiefen Nord in enger Hütten Raum, Im fernen Süden unter Palmenkronen. Ein Sproß vom Stamme Teut’s entbehrt dich schwer! Bei deinem Leuchten hebt sich mild und labend Vergang’ne Zeit aus des Vergessens Meer; Erinn’rung heimwärts die Entfernten bringt! Es prangt, so weit die deutsche Zunge klingt, Der lichterhelle Baum am Weihnachtsabend.

„So weit die deutsche Zunge“ – blitzgeschwind Kommt dieses Wort mir in den Sinn gefahren! Heut’ giebt’s ein Doppelfest, mein liebes Kind! Am zweiten Weihnachtstag’ vor hundert Jahren Erblickte Vater Arndt des Lebens Licht. He, Wein herbei und eine volle Kanne! Hoch Vater Arndt! Ei, wie das jubelnd bricht Aus jeder Brust, wie’s frisch im Kreis erschallt! Es ist ein mächt’ger Baum im Dichterwald Von Rügens Kreidefels die Edeltanne!

Rauhborkig, derb, ein Stamm von festem Mark Und nie gewohnt, daß er den Wipfel biege, In Blitz und Donner ward er groß und stark; Ihm sangen Sturm und Woge an der Wiege. Tief in den Fels schlug er die Wurzeln ein, Dem er entsproßt. Nicht duft’ge Blüthentraube, Die ihren Kelch erschließt dem Sonnenschein, Bringt solch’ ein Baum, nicht süßer Früchte Schatz, Doch nimmt im Zweige Nest und Ruheplatz Der kühne Falke und die fromme Taube.

So ist nicht Arndt der stolzen Palme gleich Und nicht des Lenzes Königin, der Rose, Den Kindern aus der Schönheit ew’gem Reich! Ihm fielen anders des Geschickes Loose! Ihm galten mehr als Zeus und als Apoll Die Götter, die in Wodans Himmel wohnen! Sein Schlachtgesang empor in Sprudeln quoll, Sprang in die Welt, ein wilder Katarakt; Der blanke Säbel schlug dazu den Tact Und die Begleitung brüllten die Kanonen.

Ein Falk’, der auf den welschen Reiher stieß Und keck ihn faßte mit den starken Fängen, So war sein Lied, als unsre Losung hieß: Den Feind verjagen und die Ketten sprengen! So war sein Wort, das Wort vom „Geist der Zeit“! Die Welt durchflog’s, als hätt’ es Adlerschwingen, Das Wort von deutscher Kraft und Herrlichkeit – Und dann ein Lied, von Frömmigkeit durchweht, So taubenfromm, fast wie das Christgebet, Das unterm Weihnachtsbaum die Kinder singen.

Er warf sich liebend an der Mutter Herz, Der Heimath Herz in unsrer Knechtschaft Tagen Und wies die Geister muthig sonnenwärts, Die, von dem Joch gebeugt, im Staube lagen. Er zog von Sünden, die um Rache schrien, Den Schleier weg, hat uns empor gerissen! Dem Völkerzorn hat er das Lied gelieh’n, Der Sehnsucht nach dem einen Vaterland! Hoch steht er da, wie er sich selbst genannt: Das alte, deutsche, ehrliche Gewissen!

Du deutsch’ Gewissen, sag’, wann wirst du wach Und machst uns schamroth ob der Zwietracht Schande? O Gott im Himmel, noch das alte Ach, Das alte Weh im ganzen Vaterlande! Hol’ dir die Freiheit! Laß die That dem Wort – „Papa, so ernst zu Weihnacht!“ Ja, ihr Knaben, Recht närrisch war’s! Die düstren Grillen fort! Hoch Vater Arndt! Hei, wie’s das Haus durchbebt! Gott geb’s, ihr Kinder, daß ihr’s noch erlebt, Daß wir ein frei’ und einig’ Deutschland haben!