Versos German Friedrich Emil Rittershaus Völkerpfingsen

German poem

Völkerpfingsen

by (1834–1897)

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Der Winter kam vom Nord geschritten Durch Wald und Wiese, Flur und Forst, Und unter seinen eh’rnen Tritten Der frostdurchzogne Boden borst. Die Welle, die mit raschem Fluge Gewohnt durch Berg und Thal zu gehn, Es mußt’ vor seinem Odemzuge Das Blut der Erde stille stehn. Des Lebens Pulse mußten stocken; Die Blume lag verdorrt im Feld, Und schimmernd fielen weiße Flocken Auf’s Leichenangesicht der Welt.

Da hob der Frühlingssturm die Flügel, Und jedes Herz war froh gestimmt; Wir wußten’s ja, daß er die Zügel Der harten Hand des Winters nimmt, Daß er zerbricht, was dürr geworden, Und Raum dem Trieb, dem jungen, bringt, Daß er in brausenden Accorden Ein Lied der Auferstehung singt. Die Welle brach des Eises Schranken Und sprudelt’ schäumend himmelan Und trug den hohen Lenzgedanken Vom Fels bis zu dem Ocean.

Und jetzt! O seht, wie segentrunken Die Welt im Maienschmucke steht! Die Morgenröthe ist gesunken Als Rose in des Gartens Beet, Und wenn die Sterne leise wallen Am Abend durch des Himmels Raum, Dann singen noch die Nachtigallen Die süßen Lieder fort im Traum, Und alle diese Wunderwonne, Die singt und klingt und blüht und sprießt, Ist Pfingstgeschenk der goldnen Sonne, Die auf die Welt die Strahlen gießt. –

Ihr Völker in der weiten Runde, Wer ist’s, der’s uns verkünden mag: Wann bricht nach mancher trüben Stunde Für euch herein der Pfingstentag? Der Knechtschaft Winter wußt’ zu biegen In’s Joch euch mit der eis’gen Faust, Und heulend kam in blut’gen Kriegen Ein Frühlingssturm herangebraust. Es ist vorbei – und selig werden Möcht’ nun das Herz im Sonnenschein – O ew’ger Gott, wann soll auf Erden Denn endlich Völkerpfingsten sein? –

Ihr braucht die Sterne nicht zu fragen Mit kummerblassem Angesicht; Es kann’s euch jede Blume sagen: Das Leben ist allein im Licht. Ihr schaut vergebens nur nach oben, So lang ihr euch im Traum behagt, Gebückten Haupts der Pfaffenroben, Der Purpurmäntel Schleppen tragt. Die Freiheit wird ihr eigner Henker Bei einem Volk, bethört vom Wahn; Nur einer Welt der freien Denker Kann einst ein Völkerpfingsten nah’n.

Das Licht in’s Volk! Von allen Zinnen Gepredigt wider jeden Trug, Der gerne möcht’ die Welt umspinnen, Wie er sie einst in Bande schlug! Das Licht in’s Volk, daß es die Flügel Des Geists gebraucht in stolzer Kraft, Daß es, entwöhnt von Joch und Zügel, Sich selbst die bessre Zukunft schafft! – Zu einem Bunde fest zusammen, Die ihr das Herz der Menschheit weiht! So wahr der Sonne Strahlen flammen, Es kommt der Völker Pfingstenzeit.