German poem
Respekt! Es kommt der Jubilar
by Friedrich Emil Rittershaus (1834–1897)
Ich war zu Gast beim Herrn Pastor Zur Zeit der Rebenblüthe. Er hob das Auge fromm empor Und pries des Himmels Güte: „Die Nüsse, sie gerathen gut. Nichts schmeckt so schön zum Neuen! Der Herrgott will mit Traubenblut, Mit echtem, uns erfreuen, Mit Wein, wie vier und dreißig war! Die Rebe zeigt in Pracht sich, Ist mit Gescheinen dicht besteckt. – Respect, Respect! Respect, Respect! Respect! Es kommt der Jubilar, Der Wein von vier und achtzig!
Als ich der Jahre dreißig sah,“ Hat der Pastor gesprochen, „Wie mancher Flasche hab’ ich da Vergnügt den Hals gebrochen!“ Ein Glanz wie rothes Abendgold Lag auf des Würd’gen Mienen, Und eine Thräne niederrollt’ Wie Perlen auf Rubinen. „Kein Lächeln, Bursch! In jenem Jahr Kam’s wie man’s kaum gedacht sich, Doch Zeichen hab’ ich jetzt entdeckt – Respect, Respect! Respect, Respect! Respect! Es kommt der Jubilar, Der Wein von vier und achtzig!
Da hatt’ man auch noch großes Maß – Und doch, ihr jungen Leute, An unsrem Vater Rheine saß Man nicht so froh wie heute! Allüberall ein Schlagbaum stand. Ein schwarz-roth-goldnes Bändchen Trug heimlich man. Kein Vaterland Gab’s, nur noch Vaterländchen! Verspottet von der Fremden Schaar, Raunt nur in’s Ohr man sacht sich: Ob keiner wohl den Michel weckt? – Respect, Respect! Respect, Respect! Respect! Es kommt der Jubilar, Der wein von vier und achtzig!“
Beim Vierunddreißiger sprach’s zu mir Ein Greis von achtzig Jahren. – Nun grüßen wir den Besten hier Von allen Jubilaren. Am deutschen Rhein der edle Wein Im Reich, dem einigen, freien, Am deutschen Rhein, Franzosenrein, Soll er uns wohl gedeihen! Dran lab’ man noch nach manchem Jahr Am Tag und auch bei Nacht sich, Und sing’, wenn er wie Nektar schmeckt: Respect, Respect! Respect, Respect! Respect! Es kommt der Jubilar, Der Wein von vier und achtzig!