German poem
Ei, heut’ ist keine Schule!
by Friedrich Hofmann (1813–1888)
Beim Schulhaus bleiben die Leute steh’n. So sagt, was ist denn dort zu seh’n? In Laubschmuck prangt die Pforte ganz, Darüber hängt ein großer Kranz. Das muß wohl recht den Kindern sein Heut Garn auf ihre Spule, Denn sie jauchzen von Haus zu Haus und schrei’n: „Ei, heut’ ist keine Schule!“
Wo sonst die Bänk’ und Tische, ist heut Die Stube frei und mit Sand bestreut. Das Bücherbret nur allein hielt Stand Und die schwarze Tafel an der Wand. Ein frisches Hemd am Wochentag Und Sonntagsrock und Weste? Was der alte Lehrer erwarten mag Wohl für besondre Gäste?
Da sitzt er lächelnd im Sonntagsstaat, So froh, wie kein König im Ornat. Es zieht zu seines Geburtstags Ehr’ Sein Völklein schon die Gasse her. O Ernteglück in dem treuen Gesicht! Wie behaglich im Großvaterstuhle Der alte Lehrer selber spricht: „Ei, heut’ ist keine Schule!“
Auf geht die Thür und erschallt’s jetzund „Guten Morgen, Herr Lehrer!“ aus einem Mund. Und da kommen sie alle im Sonntagsgewand, Und keines der Kinder mit leerer Hand. Und die Freude strahlt aus jedem Blick, Selbst des Greises Wangen erblühen, Dem einmal im Jahre so lohnet das Glück Dreihundert Tage der Mühen.
In der Welt ist kein König und Volk zu schau’n Mit solchen Augen voll Lieb’ und Vertraun! O wüchse die Liebe, so rein und gut, Für die Schule in Allen zum rechten Muth! Blieb’ sie ein Kleinod Weib und Mann, Ein Theuerstes auf Erden! Fürwahr, wie würde glücklich dann Und frei die Menschheit werden!
Hab’ Acht, hab’ Acht, klug ist die Nacht, Steh’ für die Schule auf der Wacht, Du Volk, das um Erleuchtung rang Und schweren Kampfs die Nacht bezwang – Daß nie der lichte Pfad verliert Sich in des Machtwahns Pfuhle Und einst sein Hohn nur triumphirt: Ei, heut’ ist keine Schule!