German poem
Vor dem Weihnachtsbaum
by Friedrich Hofmann (1813–1888)
Die Tanne hat im Wald gelacht, Ihr träumte von der Weihnacht Kerzen. Nun strahlet sie in ihrer Pracht Am höchsten Fest der Kinderherzen! Das ist der deutschen Tanne Stolz: Kein Baum in allen Erdenreichen, Selbst nicht der Ceder heil’ges Holz, Kann sich an Ehren ihr vergleichen. Sie weiht zum Tempel jedes Haus, Wo eines Kindes Augen funkeln, Und schmückt den Traum des Lebens aus Vom ersten Schritte aus dem Dunkeln.
Siehst Du die Hütte? Schier erdrückt Der Schnee das Strohdach. Doch darunter Ist jetzt der Armen Herz beglückt Von ihres Glaubens schönstem Wunder. Die Hand erwarb mit schwerer Hast Für’s Tannenbäumlein die paar Lichte, Nun ist vergessen Harm und Last Im Glanz der kleinen Angesichte. Wie ehr’ ich Dich, Du armer Mann! Dir lacht das Herz. Und wie bescheiden Dein Baum auch strahlt: die Hütte kann Heut nimmer der Palast beneiden.
Auch dort im hohen Schloß voll Pracht Ward heut der Wächterruf vernommen, Die Kinderaugen sind erwacht, Das Christkindlein ist ja gekommen. Wie prangt am Baum von Gaben schwer An jedem Aestlein jede Spanne! – Die Herzen lachen drum nicht mehr, Als vor des armen Mannes Tanne. Lauscht nicht ein Aermrer noch am Thor? O laßt ihn nicht im Dunkel beben, Hebt ihn zu eurer Luft empor, Und doppelt wird sie euch erheben.
Was sie im Haupt erwägen mag, Die junge Mutter vor dem Baume? Ob der Erfüllung Wonnetag Hervorbricht jetzt aus langem Traume? Heil ihr, daß ihren höchsten Ruhm Sie heute in der Pflicht empfinde, Zu wahren als ein Heiligthum Ein deutsches Herz im deutschen Kinde. Denn wie kein deutsches Auge läßt Vom Tannenbaum mit seinen Kerzen, So bleibt der deutschen Weihnacht Fest Das heiligste der deutschen Herzen.