German poem
Klage der Ariadne
by Friedrich Nietzsche (1844–1900)
Wer wärmt mich, wer liebt mich noch? Gebt heisse Hände! gebt Herzens-Kohlenbecken! Hingestreckt, schaudernd, Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt, geschüttelt ach! von unbekannten Fiebern, zitternd vor spitzen eisigen Frostpfeilen, von dir gejagt, Gedanke! Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher! Du Jäger hinter Wolken! Darniedergeblitzt von dir, du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt! So liege ich, biege mich, winde mich, gequält von allen ewigen Martern, getroffen von dir, grausamster Jäger, du unbekannter — .1…
Triff tiefer! Triff Ein Mal noch! Zerstich, zerbrich dies Herz! Was soll dies Martern mit zähnestumpfen Pfeilen? Was blickst du wieder, der Menschen-Qual nicht müde, mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen? Nicht tödten willst du, nur martern, martern? Wozu — .1 martern, du schadenfroher unbekannter Gott?
Haha! du schleichst heran bei solcher Mitternacht?… Was willst du? Sprich! Du drängst mich, drückst mich, Ha! schon viel zu nahe! Du hörst mich athmen, du behorchst mein Herz, du Eifersüchtiger! — worauf doch eifersüchtig? Weg! Weg! wozu die Leiter? willst du .1, in’s Herz, einsteigen, in meine heimlichsten Gedanken einsteigen? Schamloser! Unbekannter! Dieb! Was willst du dir erstehlen? Was willst du dir erhorchen? Was willst du dir erfoltern, du Folterer! du — Henker-Gott! Oder soll ich, dem Hunde gleich, vor dir mich wälzen? Hingebend, begeistert ausser mir dir Liebe — zuwedeln? Umsonst! Stich weiter! Grausamster Stachel! Kein Hund — dein Wild nur bin ich, grausamster Jäger! deine stolzeste Gefangne, du Räuber hinter Wolken… Sprich endlich! Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! sprich! Was willst du, Wegelagerer, von — .1?…
Wie? Lösegeld? Was willst du Lösegelds? Verlange viel — das räth mein Stolz! und rede kurz — das räth mein andrer Stolz!
Haha! .1 — willst du? mich? mich — ganz?…
Haha! Und marterst mich, Narr, der du bist, zermarterst meinen Stolz? Gieb .1 mir — wer wärmt mich noch? wer liebt mich noch? gieb heisse Hände, gieb Herzens-Kohlenbecken, gieb mir, der Einsamsten, die Eis, ach! siebenfaches Eis nach Feinden selber, nach Feinden schmachten lehrt, gieb, ja ergieb, grausamster Feind, mir — .1!… Davon! Da floh er selber, mein einziger Genoss, mein grosser Feind, mein Unbekannter, mein Henker-Gott!…
Nein! komm zurück! .1 allen deinen Martern! All meine Thränen laufen zu dir den Lauf und meine letzte Herzensflamme dir glüht sie auf. Oh komm zurück, mein unbekannter Gott! mein .1! mein letztes Glück!…
Ein Blitz. Dionysos wird in smaragdener Schönheit sichtbar.
Dionysos:
Sei klug, Ariadne!… Du hast kleine Ohren, du hast meine Ohren: steck ein kluges Wort hinein! — Muss man sich nicht erst hassen, wenn man sich lieben soll?… .1…