German poem
Die Sonne sinkt
by Friedrich Nietzsche (1844–1900)
Nicht lange durstest du noch, verbranntes Herz! Verheissung ist in der Luft, aus unbekannten Mündern bläst mich’s an, — die grosse Kühle kommt…
Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage: seid mir gegrüsst, dass ihr kommt, ihr plötzlichen Winde, ihr kühlen Geister des Nachmittags!
Die Luft geht fremd und rein. Schielt nicht mit schiefem Verführerblick die Nacht mich an?… Bleib stark, mein tapfres Herz! Frag nicht: warum? —
Tag meines Lebens! die Sonne sinkt. Schon steht die glatte Fluth vergüldet. Warm athmet der Fels: schlief wohl zu Mittag das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf? In grünen Lichtern spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.
Tag meines Lebens! gen Abend geht’s! Schon glüht dein Auge halbgebrochen, schon quillt deines Thau’s Thränengeträufel, schon läuft still über weisse Meere deiner Liebe Purpur, deine letzte zögernde Seligkeit…
Heiterkeit, güldene, komm! Du des Todes heimlichster süssester Vorgenuss! — Lief ich zu rasch meines Wegs? Jetzt erst, wo der Fuss müde ward, holt dein Blick mich noch ein, holt dein .1 mich noch ein.
Rings nur Welle und Spiel. Was je schwer war, sank in blaue Vergessenheit, müssig steht nun mein Kahn. Sturm und Fahrt — wie verlernt’ er das! Wunsch und Hoffen ertrank, glatt liegt Seele und Meer. .1 Einsamkeit! Nie empfand ich näher mir süsse Sicherheit, wärmer der Sonne Blick. — Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch? Silbern, leicht, ein Fisch schwimmt nun mein Nachen hinaus…