German poem
Die kleine Brigg, genannt «das Engelchen»
by Friedrich Nietzsche (1844–1900)
Engelchen: so nennt man mich – Jetzt ein Schiff, dereinst ein Mädchen, Ach, noch immer sehr ein Mädchen! Denn es dreht um Liebe sich Stäts mein feines Steuerrädchen.
Engelchen: so nennt man mich – Bin geschmückt mit hundert Fähnchen, Und das schönste Kapitänchen Bläht an meinem Steuer sich, Als das hundert erste Fähnchen.
Engelchen: so nennt man mich – Ueberall hin, wo ein Flämmchen Für mich glüht, lauf ich ein Lämmchen Meinen Weg sehnsüchtiglich: Immer war ich solch ein Lämmchen.
Engelchen: so nennt man mich – Glaubt ihr wohl, dass wie ein Hündchen Bell’n ich kann und dass mein Mündchen Dampf und Feuer wirft um sich? Ach, des Teufels ist mein Mündchen!
Engelchen: so nennt man mich – Sprach ein bitterböses Wörtchen Einst, dass schnell zum letzten Oertchen Mein Geliebtester entwich: Ja, er starb an diesem Wörtchen!
Engelchen: so nennt man mich – Kaum gehört, sprang ich vom Klippchen In den Grund und brach ein Rippchen, Dass die liebe Seele wich: Ja, sie wich durch dieses Rippchen!
Engelchen: so nennt man mich – Meine Seele, wie ein Kätzchen, That eins, zwei, drei, vier, fünf Sätzchen, Schwang dann in dies Schiffchen sich – Ja, sie hat geschwinde Tätzchen.
Engelchen: so nennt man mich – Jetzt ein Schiff, dereinst ein Mädchen, Ach, noch immer sehr ein Mädchen! Denn es dreht um Liebe sich Stäts mein feines Steuerrädchen.