German poem
Wem immerdar vor Augen
by Hafis (1326–1389)
Wem immerdar vor Augen Der Flaum des Freundes schwebt,
Des Blitzes höchste Zwecke Hat sicher er erstrebt;
Auf seines Machtbrief's Züge Legt' fromm den Kopf ich hin
Dem Rohre gleich: er nehme Nun mit dem Schwerte ihn.
Zu lieben dich ist Jenem, Der Kerze gleich, erlaubt,
Dem unter deinem Schwerte Stets wächst ein neues Haupt.
Zum Kusse deines Fusses Gelangt nur dessen Hand,
Der an dies Thor den Scheitel Gelegt als Schwellenrand.
Des Neiders Pfeile hatten Nach meiner Brust gezielt:
Doch gegen deine Pfeile Fehlt jeder Brust der Schild.
Mir graut vor trock'ner Tugend! D'rum bringe reinen Wein:
Denn mein Gehirn befeuchtet Stets Weingeruch allein.
Mag auch kein Wein dir fommen: Ist's nicht genug vielleicht,
Dass er den Wahn der Einsicht Ein Weilchen dir verscheucht?
Wer nie zum Andachtsthore Den Fuss hinausgesetzt,
Die Schenke zu besuchen Fühlt er geneigt sich jetzt.
Hafis, gebroch'nen Herzens, Theilt einer Tulpe Loos
Und trägt das Maal des Busens Einst in der Erde Schooss.