German poem
Wie ist die deutsche Welt in Neuigkeit ersoffen!
by Hans Assmann von Abschatz (1646–1699)
Wie ist die deutsche Welt in Neuigkeit ersoffen! Man deckt und kleidet sich/ man schreibet/ singt und spricht/ Man reiset/ schläfft und isst/ man reitet/ tanzt und ficht Nach neu-erwählter Art: Wer Glück und Gunst will hoffen/ Muß sich in allem Thun der Neuigkeit bequemen/ Sonst wird ihn Uberwitz mit Hohn und Spott beschämen.
Es bleibet nicht darbey: Man ändert auch die Sitten/ Der Küttel alter Treu und deutscher Redligkeit Ist unsrer Mode-Welt ein viel zu schlechtes Kleid: Die junge Neuigkeit will überall gebitten. Was Wunder/ wenn nun auch in manchem deutschen Lande Der neue vor will gehn dem alten Adel-Stande?
Das Alter wird veracht/ das doch so viel begehren: Doch will ich lieber Alt- als Jung-gebohren seyn; Mit Auffgeld tauschet man die alten Müntzen ein: Der Firne-Wein gilt mehr/ als der noch soll verjähren. Man sieht die Aloe nach hundert Jahren blühen/ Der jungen Tulpe Pracht in kurtzer Zeit entfliehen.
More by Hans Assmann von Abschatz
- Wie du barmhertzig bist- so laß michs auch geniessen
- Wie eine Blume blüht- so fliehet unser Leben
- Wie groß die Seelen-Noth und Angst des Leibes sey
- Wie ich heute bin gesinnt- warum war ichs nicht vorhin
- Wie kan der schwache Leib dem Willen gleiche streiten
- Wie lange soll mich kräncken
- Wie lange wilt du noch mit deinen Sternen prangen
- Wie ohne Widerkunfft der Strom das Wasser führt