German poem
Der Kater
by Hermann von Gilm (1812–1864)
Ein Kater lebte lange Zeit Zufrieden in der Ehe, Bis ihn die Ungenügsamkeit Erfasst mit ihrem Wehe. Er hält sein Leben für gering Und sich für ein verächtlich Ding Und martert Weib und Kinder.
Der Kätzin geht gar tief der Schmerz Des Gatten zu Gemüte, Sie drückt ihn weinend an das Herz Und spricht mit Lieb’ und Güte: Dort geht die Sonn’ im Himmelsblau, Die mächtigste, die grösste Frau, Geh’ hin, um sie zu werben.
Der Kater geht von Hof und Haus Und neigt sich vor der Sonne: Allmächtig bist du, teilest aus Auf Erden Licht und Wonne. Die Sonne fällt ihm schnell ins Wort: Nein, mächt’ger ist die Wolke dort, Die kann mich ja verdunkeln.
Der Kater spricht zum Wolkenschiff, Das eben Anker löste Von einem hohen Felsenriff: Halt an, du bist das Grösste! Die Wolke, ein geschmeichelt Kind, Errötet leicht und seufzt: Der Wind, Der mich vertreibt, ist grösser.