German poem
Lied eines abwesenden Bräutigams
by Johann Christoph Friedrich Haug (1761–1829)
Verfliegen noch zwey Jahre, dann Nenn’ ich mein Mädchen mein! Und gieng es noch so schlimm, es kann Kein ganzes drüber seyn! Und die verfliegen wie der Wind – Zwar eine hübsche Zeit! Doch die zwey längsten Jahre sind Lang keine Ewigkeit!
Und ist nicht diese ganze Zeit Auch schon mein Mädchen mein? Sie wirds gewiß nicht mehr als heut In zehen Jahren seyn! Zwar dann in meinen Armen mein, Und das ist freilich viel! Doch sich im Voraus drauf zu freun, Ist auch kein Kinderspiel.
Der Freude wird die Zeit nicht lang Und mir ist bis dahin Deswegen nicht für Freuden bang Weil ich nicht bey ihr bin: Dann bin ichs nur, so giebt sie mir Solch einen Vorrath mit, Der mich mit guter Laune schier Ein Vierteljahr versieht.
Ein Kuß in einem Vierteljahr! Das macht das Jahr durch vier! Das sind nur wenig – denkt ihr zwar Doch schmek ich die dafür Die ich bekomme, mehr als ihr! Bey euch ist’s bloses Spiel, Und erst vier Wochen drauf wird mir Die Wange wieder kühl! Zwey hab ich noch für heuer gut, Zwey hab ich schon geschmekt, Das fühlt ihr nie, wies einem thut Die ihr euch ewig lekt! Zwey hab’ ich jezt noch gut – die zwey Nicht einen gäb ich euch Um tausend andre, meiner Treu! Nicht um ein Königreich.
Den dritten hol’ ich bald bey ihr! Wie fliegt die Zeit vorbey? O Mädchen! Mädchen! bleibe mir Nur noch zwey Jahre treu. Zwar die verfliegen wie der Wind, Doch zur Beständigkeit Du lieber Gott! – zwey Jahre sind Gar eine lange Zeit!
G.