German poem
Die neue Lehre
by Johann Georg Fischer (1816–1897)
Schlecht in sich selber ist die Lehre, welche Vor einer feindlichen Entdeckung zittert! Friedrich II. von Hohenstaufen.
Ich frage nicht, woher ich stamme; Geschehen ist und bleibt die That, Daß einmal eine Lebensflamme, Ein Funken mich entzündet hat, Ein Widerschein des wunderbaren, Der in der ersten Zelle schwang, Daraus nach Millionen Jahren Das erste Menschenkind entsprang.
Der sie durch ungezählte Stufen, Von Bildung sie zu Bildung treibt, Bis daß die jüngste wachgerufen, Die pflügt und handelt, spricht und schreibt; Ein Blitzen war’s im Wesenraume, Da nun der Riesenschritt begann Und nach des Thieres dunklem Traume Sich eines auf sich selbst besann.
Ein Festtag war’s der Geisterweihe, Ein göttlich Auferstehungslied, Als aus der Myriaden Reihe Der erste Geist sich unterschied, Als er zuerst den eignen Namen An der Erschaffnen Gipfel schrieb Und seitwärts unter ihm der Rahmen Des Thiers befestigt stehen blieb.
Da jauchztest Du dem Sonnenstrahle, Der aus der eignen Stirne sprang Und eine Welt der Ideale Selbstschöpfend um die Schöpfung schlang; Triumphen von Gedankensiegen, Freiheitbeglückter, trieb Dich’s zu Und unermeßlich vor Dir liegen Des Könnens Kreise wähntest Du. – Ein neues Blitzen – und ein neues Vergeh’n und Kommen bricht herein, So will’s ein alt Gebot, ein treues, Und Du wirst selber nicht mehr sein, Nicht Bess’res wirst Du Dir erwerben, Vergehen muß Dein ganz Geschlecht, Daß Andre leben, mußt Du sterben, Das ist Dein Urgesetz und Recht.
Und was nach Dir? Welch’ andre Normen? Und welch’ ein Geist? Ich weiß es nicht; Nur daß aus tausend neuen Formen Die ewige Verjüngung bricht, Denn auf der Todten Ahnensitze Befestigt sich der Enkel Thron Und der Mysterien Haupt und Spitze Ist das vom Vater und vom Sohn.
Nur Eine Lehre, die wir hören, Nur Eine seit dem ersten Tag: Der Gott des Lebens muß zerstören, Damit er neu erschaffen mag; Kein Schöpfungsfest und dann ein Fasten, Kein Schöpfer, der nicht ewig schafft, Kein Gott, der ruhen muß und rasten, Und kein Entkräften auf die Kraft!
Und keine Welt, die nicht zu neuer Verwandlung ihr Gesetz empfing, Wenn in den Fluthen, wenn im Feuer Ein Reich des Daseins unterging! Es giebt ein ewig Kräftetreiben; Nicht Du wirst leben, wie Du bist, Doch sei beruhigt, Es wird bleiben, Was Lebenskraft und Wirkung ist.
Doch wie es leiben wird und leben, Ein neu Geschlecht? – Ist’s nicht genug, Daß diesem schon Gewalt gegeben, Die eine Kettenlast zerschlug, Die jeder Kraft und Lebensregung Gesetz zu deuten unternimmt Und aus des Sonnenstrahls Zerlegung Der Sterne Wesen hat bestimmt?!