German poem
Lied der Morgenröthe
by Johann Gottfried Herder (1744–1803)
Komm Aurore! Und entflore Mir dein Purpurangesicht: Deine Stralen, Ach sie mahlen Mir mein Purpurmädchen nicht.
Ihre süsse Himmelsküsse, Mit Ambrosia gespeist; Wer sie küsset, Der geniesset Nektarthau und Göttergeist.
Schlank, wie Reben Aufwärts schweben, Schwebt ihr Schwanenwuchs hinan: Wie die ferne Morgensterne, Glänzet mich ihr Auge an.
Ihren schönen Zarten Tönen Horcht und schweigt die Nachtigal: Hain und Bäume Stehn wie Träume Am verstummten Wasserfall.
Blumen sprossen Hingegossen, Wo ihr zarter Tritt geschwebt: Amoretten Winden Ketten Wo sie spricht und liebt und lebt.
Alle Leiden Werden Freuden, Täglich ihren Blick zu sehn: Um sie scherzen, In ihr herzen Tugenden und Grazien.