Versos German Johann Karl Wilhelm Geisheim Die Tartarfürstin

German poem

Die Tartarfürstin

by (1784–1847)

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Im Lande, wo die Sonn’ aufgeht, War einst ein Fürst der Fürsten, Gar eine große Majestät, Und stark, die Welt zu bürsten, Wenn sie nicht thät’ nach seinem Sinn; Denn weit vom Ost zum Westen hin Pfiff seine scharfe Geißel.

Chan Batu hieß der edle Herr, Ein Cäsar der Tartaren; Wie sein Herr Vater seliger, Cingis-Chan seiner Scharen. Ihn trug, ihm wogte wie ein Meer Ein wildes, ungezähltes Heer Von einem Sieg zum andern.

Doch außer seiner großen Macht Hatt’ er auch schöne Frauen, Bestrahlt mit Reizen und mit Pracht, Wie Sonnen anzuschauen. Vor Allem war ihm Eine lieb, Die frei, was sie nur wollte, trieb, Und Chan und Volk beherrschte.

Da kam einmal das Reisen an, Nach weiberlicher Laune, Sie bricht, weil sie’s nicht lassen kann, Gelegenheit vom Zaune; Sie hört vom Land’ der Christenheit, Von ihrer Städte Herrlichkeit, Die will, sie muß sie sehen.

Der Chan, für ihre Schönheit schwach, Will ungern sie entbehren; Doch endlich giebt er seufzend nach, Was hilft’s, er muß gewähren; Denn sei ein Mann auch in der Welt Noch so großmächtig hingestellt, Die Weiber reichen drüber.

Er öffnet seinen Schatz, daß sie Das Herrlichste sich wähle, Daß sie mit Pracht die Welt durchzieh, Und seinem Ruhm nichts fehle. An Silber, Gold und Edelstein Packt eine Sternenwelt sie ein, Und zieht in Prunk von dannen.

Ihr folgt, nebst einem Schwarm von Frau’n, Ein edler Troß von Reitern, Und so, wie ein Komet zu schau’n, Voll Glanz mit den Begleitern, Nimmt sie nach Schlesien den Lauf; Man sperret Maul und Nasen auf, Wo sie vorüber ziehet.

Und große Ehr’ erwies man ihr, Ergebenst aller Orten, Empfing sie fürstlich nach Gebür Mit Gaben und mit Worten. So daß es ihr gar wohl behagt, Und sie gar oft hat laut gesagt: Schön ist das Land der Christen.

Des Zobtenberges Fürstenschloß, Gastgeberisch vor Allen, Hatt’ ihr und ihrem ganzen Troß Absonderlich gefallen: Und als es war zum Scheiden Zeit, Da that’s ihr recht von Herzen leid, Und traurig zog sie weiter.

Nach Neumarkt führte sie ihr Pfad; Sie will der Stadt sich zeigen; Legt an den allerbesten Staat, Und was ihr Schönes eigen. Da hättet ihr nur sollen sehn Die Leute staunend gaffen stehn, Versteinert war ganz Neumarkt.

Doch als von der Versteinerung Die Leute zu sich kamen, Und in genaue Musterung Die Pracht der Fürstin nahmen: Da sahen sie einander an, Und fingen an, je mehr sie sah’n, Die Schätze zu begehren.

„So reich soll eine Heidin sein! Indeß wir guten Christen Bei schwarzem Brot, so hart wie Stein, Kaum unser Leben fristen? Gevatter, solch ein großes Glück Bringt uns der Zufall nie zurück, So lange Neumarkt stehet.“

Und eine Rotte – Alle? Nein, Das kann wohl Niemand glauben, Stellt Nachts sich in der Herberg’ ein, Die Gäste zu berauben. Wach wird der Troß, setzt sich zur Wehr, Da fällt die Rotte drüber her, Und haut sie All’ zusammen.

Die gute Fürstin ward dabei Nun auch mit todtgeschlagen; Und ohne Prunk und Ziererei In’s stille Grab getragen. Und Alles, Alles raubt man ihr, Es ließ der Räuber wilde Gier Ihr nicht einmal das Hemde.

So war die Unthat zwar vollbracht, Doch schläft nicht der Verräther. Zwei Frauen in der Gruft der Nacht Entfloh’n in’s Land der Väter, Und zeigten dort den Frevel an, Den ihnen Neumarkt angethan; Und Batu schnaubte Rache.

Los läßt er seine wilde Schar, Die Mörder zu ereilen, Und furchtbar stürzet der Tartar Westwärts in scharfen Keilen. Der Feuerbrand in blut’ger Hand, Versenget er der Slaven Land, Und dringt bis Liegnitz fürder.

Da schlugen sie die große Schlacht, Die Allen wohlbekannte, Worin der Sieg der Christenmacht Zuletzt sich traurig wandte; Denn Heinrich fiel, der fromme Held, Das Licht, der Liebling seiner Welt, Und Elend war im Lande.

Und nach gar mancher Greuelthat Nahm der Tartar voll Rache Sodann nach Neumarkt seinen Pfad, Daß er’s zu Schanden mache. Das sahn die Bürger dort voraus, Doch sannen schlau sie sich was aus, Um ihre Haut zu retten.

Sie sprachen zu den Jungfern fein, Und auch zu ihren Frauen: Ihr könnt uns von der Noth befrei’n, Faßt Muth nur und Vertrauen; Empfangt ihn freundlich, wenn der Feind Mordgierig in der Stadt erscheint, Wir wollen uns verstecken.

Sucht sie durch Trunk und Lieblichkeit Zu kirren, zu erweichen, Und gebt uns dann zur rechten Zeit Von ihrem Rausch das Zeichen; Dann brechen wir mit Macht hervor, Und schneiden der Tartaren Ohr, Wie sie’s den Christen schnitten.

Und so geschah’s. Der Feind kam an, Und siehe! Neumarkts Schönen Besiegen Alle, Mann für Mann. – Die Siegeszeichen tönen; Die stille Mannschaft bricht heraus, Bläst’s Lebenslicht den Tartaren aus, Davon kommt auch nicht Einer.

Das Mährchen ist zu Ende nun, Es fehlt nur noch die Lehre. Ich würde gern dazu sie thun, Wenn eine drinnen wäre; Doch folgende nur fällt mir bei: Oft siegt die Welt durch Schelmerei! Doch ist es nur ein Mährchen.