German poem
Die Rose
by Johann von Lupul (1836–1922)
Mit dem sanften Morgenlüftchen im vertraulichen Gekose, Blüht beim Sang der Nachtigallen liebevoll die Maienrose, Saugt die heißen Sonnenküsse mit dem flammenrothen Munde, Und entsendet ihre Düfte aus des Herzens tiefstem Grunde.
Wächst empor zur schönen Blume, liebeträumend, unbefangen, Keuschverschämt, wie eine Jungfrau, rothentbrannt die Frühlingswangen, Wenn ins Ohr ihr Liebe flüstert, neigt das Köpfchen sie gelinde, Thränen perlen auf den Blättern, sanft bewegt vom Abendwinde.
Abends tritt zu ihr die Schwester, wenn zur Vesper läuten Glocken, Bricht vom Stängel ab die Rose, schmückt damit die blonden Locken, Bindet Sträuße für den Busen, eilt hinweg — darf lang nicht säumen — Gott der Blumen und der Mädchen, laß von Glück sie beide träumen!
Doch am Morgen liegt die Rose blaß und bleich und ohne Leben, Weggezaubert ist ihr Purpur — einmal nur ist ihr gegeben, Daß sie blühe, dufte, lebe! — und gebrochen auch begraben. — Einmal kann an Duft und Blüte wonnevoll das Herz sich laben.