German poem
Die Jobsiade — Zehntes Kapitel
by Karl Arnold Kortum (1745–1824)
Ehe man den Hieronimus ließ gehen, Wurde er erst im Ueberfluß versehen Mit Kleidern, Wäsche, Büchern und Geld Und was man sonst zum Studiren nöthig hält.
Es ward gefolglich auf diese Weise Alles bereitet zur nahen Abreise; Aber beim Abschied ging's bitter und schwer Auf einer und der andern Seite her.
Der gute alte Jobs, der dicke Senater, Weinte laut, wie im Mai ein Kater, Und reichte schluchzend den Abschiedskuß Seinem theuern Sohne Hieronimus.
Gab ihm auch den väterlichen Segen: »Fahre wohl auf allen deinen Wegen Und studire fleißig, mein Sohn, Damit wir haben Freude davon!
Wenn dir etwa künftig etwas fehlet Und vielleicht ein Geldmangel quälet: So schreibe nur immer kühnlich mir; Was du verlangst, das schicke ich dir.«
Hieronimus wurde, wie sich's gebühret, Ob des Vaters Rede höchlich gerühret, Und versprach öfters zu schreiben hin, Wenn ihm der Beutel würde dünn.
Mit der Mutter ging es noch schlimmer, Sie erhob ein jämmerliches Gewimmer, Und durchdrungen vom herbesten Schmerz Drückte sie den lieben Sohn lange ans Herz.
Endlich trat sie auf einige Augenblicke Mit Hieronimus ein wenig beiseite zurücke, Und reichte ihm noch ein Päcklein dar, Worinnen verschiedenes Geld war.
Dieser fromme, mütterliche Segen That den Hieronimus inniglich sehr bewegen, Und er steckte, unter lautem Gewein, Das erhaltene Päcklein ein.
Nun kamen seine Geschwister an die Reihe, Denen er, unter erbärmlichem Geschreie, Allen nach einander die Hand gab Und nunmehr reisete Hieronimus ab.
Der lieben Eltern Trauern und Klage Währte noch nachher verschiedene Tage Und dem guten Vater schmeckte schier Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier.
Bei der Mutter war die Betrübniß am größten, Und man vermochte fast nicht sie zu trösten, Doch bei den Schwestern und Brüdern war, Wie ich vernommen, weniger Gefahr.